Wetterchronik 1974

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17. August

Hagelunwetter, Bericht aus dem Landkreis Vechta eingetragen von Mark am 24. August 2001

Eine Nacht mit Blitz, Donner und Hagel im Kreise Vechta

Hagelkörner in Hühnereigröße
Dächer durchschlagen - Wild auf dem Feld erschlagen - Getreidefelder niedergewalzt

Kreis Vechta - "Wäre das auf dem Stoppelmarkt niedergegangen, so hätte es eine
echte Katastrophe gegeben". Das war der Eindruck, den Kreisdirektor Jan-Berd Eisenbart
am Samstagmorgen unter dem Eindruck einer Rundfahrt durch den Südkreis Vechta hatte,
um einen Überblick über die Folgen des nächtlichen Hagelunwetters zu gewinnen,
das vor allem sich mit Blitz und Donner über die Gemeinden Holdorf und Neuenkirchen
entlud.

Betroffen wurde vor allem das Gebiet westlich der Bahnlinie Delmenhorst-Bramsche
und weiter in den Altkreis Bersenbrück hinein, aber auch weitere Gemeinden im
Südkreis Vechta. Und das passierte:

Heftige Gewitter gab es die ganze Nacht ab 22.30 Uhr bis zum Morgen hin. Aber
zwischen 4.30 und 5.00 Uhr fielen Hagelstücke in einer Dichte, wie man es bisher
bei uns noch nicht erlebt hat. Die einen sprachen hinterher von "Faustdicke", andere
gaben an: "Mehr als Hühnereistärke." Noch andere waren noch genauer: fünf bis
sechs Zentimeter Durchmesser. Ziegel wurden auf den Dächern zu Tausenden zerstört,
Eternitdächer auf Hühnerställen wurden durchschlagen, frei stehende Kraftfahrzeuge
eingebeult, Fensterscheiben zertrümmert (dadurch gab es zum Teil erhebliche
Wasserschäden). Der Hagel sorgte für eine vorzeitige Ernte der Felder. In den
Kerngebieten des Unwetters wurden Getreideflächen glatt niedergewalzt, teilweise
auch die Maisanbauflächen, wenngleich der Mais noch nicht so stark in Reife steht.
Teilweise ist aber auch hier Totalschaden zu melden.

"Insgesamt sind etwa 100 bis 150 Gehöfte in den Gemeinden Holdorf und Neuenkirchen
betroffen", so meinte in einer überschlägigen Bilanz Kreisdirektor Eisenbart.
Kerngebiete des Unwetters waren die Ortschaften Bieste, Nellinghof und Wenstrup
in der Gemeinde Neuenkirchen und Fladderlohausen in Holdorf. Kreisdirektor
Eisenbart besuchte in Neuenkirchen gemeinsam mit Bürgermeister Escher, Gemeindedirektor
Wienhold, Gemeindebrandmeister Knollenberg sowie mit Polizei und Straßenmeisterei
die Schadensgebiete, zunächst um einen Schadensüberblick zu gewinnen, dann aber
auch, um Hilfe einzuleiten. Es galt die Dächer wieder dicht zu machen. Die
Baustoffhändler besorgten für die Kunststoffdächer von ihren Lieferanten Nachschub.
Auf vielen Gehöften war niemand, der helfen konnte. Also ließ man einen Lautsprecherwagen
mit dem Appell an freiwillige Nachbarschaftshilfe starten. Es wurden Arbeitskräfte
zum Umdecken der Dächer benötigt.

Die Eisstücke, die in nie erfahrener Dicke und nie erlebter Dichte vom Himmel
herunterprasselten, haben bisher noch keine Ausfälle beim Weidevieh ergeben. Wohl
aber fand man totes Wild: ein Rehkitz, mehrere Hasen und Tauben. In den nächsten
Tagen dürfte man noch mehr Opfer am Wild entdecken. Der Hagel hat die Tiere
blutig geschlagen.

Den ganzen Morgen ging auch bei der OV-Redaktion das Telefon für Schadensmeldungen.
In Lohne wurde ein Gewächshaus hart betroffen. Die ganzen Gewächsanlagen wurden
vom Schrappnellfeuer in Eis zertrümmert. Weitere Gärtner in Lohne, Steinfeld
und Damme meldeten Glasschäden. In Fladderlohausen rechnet ein einzelner Bauer
mit einem Schaden von fast 40.000 DM.

Den ganzen Schaden in Geld auszudrücken, wird kaum möglich sein. Eins scheint
allerdings festzustehen: Kaum jemand war in den betroffenen Ortschaften gegen
Hagelschlag versichert. Der Grund liegt auf der Hand. In den 50 Jahren, die
sie jetzt in Wenstrup sei, meinte eine Bäuerin zur OV, habe es so etwas wie
diesen Hagel noch nicht ein einziges Mal gegeben. Rund 5000 Dachziegel müßten
auf ihrem Hof erneuert werden. Die Mais- und Haferfelder seien "hin". Versichern?
Auch der Großvater könne sich nicht erinnern, daß so etwas in seinem Leben schon
passiert sei. Bereits vor zwei Jahren erlebten sie, was sie auch in ihrem ganzen
Leben noch nicht erlebt hatten: den großen Jahrhundertsturm im November, der die
Wälder verwüstete. Im Unterschied zu manchen Teilen im Nordkreis Vechta rechnet
man im Südwesten nicht mit Hagel. "Es war als wenn die Welt untergehen wollte
und mit Stöcken gegen die Fenster geknuppelt wurde", so erinnert sich die Bäuerin
an die Hagelnacht.

Bisher wurde im Kreis Vechta nur in einem Fall bekannt, daß ein Mensch durch
Hagel verletzt wurde. Das widerfuhr einem Eisenbahnbeamten, der in aller Frühe
auf dem Weg zum Dienst am Bahnhof Nellinghof war. Er mußte sich in ärztliche
Behandlung begeben.

Um nicht in den Verdacht zu kommen, sie erzählten Schauermärchen, haben zahlreiche
Bewohner des Unwettergebietes die Eisstücke, die herunterprasselten, als "Beweisstücke"
in ihre Kühltruhen getan.

Quellen:

Oldenburgische Volkszeitung









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