Wetterchronik 1897

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1. Juli

Schweres Hagelunwetter in Württemberg eingetragen von Pit/Kulmbach am 13. Juli 2001

Der große Hagelschlag 1897



In der Nacht vom 30. Juni auf 1. Juli 1897 zog über das württembergische Unterland und die benachbarten badischen Landstriche ein Gewitter
hinweg, das nach einem drückend heißen Tag mit furchtbarer Gewalt das Land heimsuchte. Das von orkanartigem Sturm begleitete Hagelwetter
hauste in einem unbeschreiblichen Ausmaße. Noch nie, seit Witterungsbeobachtungen angestellt werden, hat ein Gewitter solchen Schaden
angerichtet.

Nach meteorologischen Feststellungen hatte das Gewitter seinen Ursprung in Mittelfrankreich. Etwa um neun Uhr abends zog es, ca. fünf bis sechs
km breit, über den Rhein und weiter in nordöstlicher Richtung. Schon kurz nach Mitternacht fegte die Gewitterfront in einer Breite von nunmehr etwa
acht bis neuen km über württembergisches Gebiet. In nicht ganz zwei Stunden legte es die 83km lange Strecke von Stetten a.H. – Fürfeld bis
Michelbach a.d.L. – Gammesfeld zurück. In diesem Landstrich bekamen die ganze Gewalt des Unwetters zu spüren der nordwestliche Teil des
Oberamts Brackenheim, die nordwestliche Hälfte des Oberamts Heilbronn, das südliche Drittel des Oberamts Neckarsulm, das nördliche Drittel des
Oberamts Weinsberg, die zwei nördlichen Drittel des Oberamts Öhringen, der südöstliche Teil des Oberamts Künzelsau, die nordöstlichen Ausläufer
des Oberamts Hall und etwa ein Viertel des Oberamts Gerabronn. Nicht weniger als 91 Markungen, die sich auf 91 Haupt- und 96 Teilgemeinden mit
113 365 Einwohnern und einer bebauten Fläche von 63 859,4 ha verteilten, umfaßte das Schadensgebiet. 42 Markungen, in denen die während etwa
20 bis 25 Minuten niederprasselnden Schloßen die Größe von Hühner- und Gänseeiern hatten, wurden vollständig verhagelt; in 18 Markungen waren
die Schloßen taubenei-, in 24 weiteren welschnuß- und in sieben haselnußgroß. Der Gesamtschaden bezifferte sich auf rund 17,5 Millionen Mark.

Der Sturm, der orkanartige Gewalt hatte, tobte fürchterlich, während der Himmel von den fortwährenden Blitzen in grelles, unheimliches Licht
getaucht war. Mit alles vernichtender Wucht prasselte der Hagel nieder und zertrümmerte Scheiben und Ziegel und schlug den Verputz von den
Hauswänden. Wolkenbruchartige Regenfälle platschten auf die Felder und durch die abgedeckten Dächer in Scheunen und Häuser und hatten Anteil
an dem Werk der Vernichtung. Auch die Vogelwelt und das Wild waren dem Unwetter schutzlos preisgegeben und wurden arg in Mitleidenschaft
gezogen. Menschenleben waren ebenfalls zu beklagen. In Obereisesheim wurden zwei Kinder im Haus von der einstürzenden Giebelwand einer
benachbarten Scheune erschlagen.

Aber erst am folgenden Morgen, als das Licht des neuen Tages anbrach, war das ganze Ausmaß der Unwetterkatastrophe zu sehen. Kurz vor ein Uhr
nachts hatte die Gewitterfront mit ihrer Hauptmasse zwischen Heilbronn und Kochendorf den Neckar überquert. Neckargartach lag damit ziemlich
genau im Zentrum der tosenden Elemente. Dementsprechend groß waren zwangsläufig die Zerstörungen im Dorf und auf der Markung. Ein
Augenzeuge, der wenige Tage nach der Schreckensnacht nach Neckargartach kam, berichtete: „Welches Zerstörungswerk aber Sturm, Hagel und
Wasser mit vereinter Kraft vollbracht haben, davon kann man sich besonders in einzelnen Gemeinden der Bezirke Heilbronn und Weinsberg
überzeugen. In Neckargartach z.B. bieten die weithin schimmernden, statt der zertrümmerten und die Straßen füllenden Ziegel mit Brettern
notdürftig gedeckten Dächer, die hohlen Fensteröffnungen, die wie nach einer Beschießung zerfetzten Wände auf der Wetterseite einen
tieftraurigen Anblick.“

Es war ein Übermaß an Jammer und Elend, welches das Unwetter in dem Notstandsgebiet zurückließ. Die Katastrophe kam für die Betroffenen völlig
unerwartet, waren doch gerade in unserer Gegend schwere Hagelschläge seit Menschengedenken nur selten und nur vereinzelt vorgekommen. In
immerhin 21 Gemeinden, die jetzt zu den am schwersten betroffenen gehörten, war während der letzten 70 Jahre überhaupt nie Hagel gefallen. Aus
diesem Grunde war auch von der vom Staat unterstützten Hagelversicherung seither nur wenig Gebrauch gemacht worden.

Neckargartach zählte ausgangs des letzten Jahrhunderts 2980 Einwohner (am 2.12.1895), von denen 660 = 22,14 % in der Landwirtschaft tätig
waren (am 14.6.1895). Von den 424 landwirtschaftlichen Betrieben, die es (am 14.6.1895) im Dorf gab, hatte allerdings nur ein einziger eine Fläche
von mehr als 100ha zu bewirtschaften; 12 Betrieben standen keine 2a Anbaufläche zur Verfügung. Immerhin wurden aber von den 1153ha
Gesamtfläche (1893) 1068ha landwirtschaftlich genutzt. Der Viehbestand umfaßte (am 1.12.1897) 76 Pferde, 474 Stück Rindvieh, 700 Schafe, 197
Schweine, 256 Ziegen und Ziegenböcke, 382 Gänse, 137 Enten, 2360 Hühner.

Von den 1068ha landwirtschaftlich genutzter Fläche wurden durch den Hagelschlag nicht weniger als 888,1ha = 83,15 % vollständig zerstört. Der
(geschätzte) Schaden belief sich bei den Feld- und Gartenfrüchten usw. auf 427 883 Mark, im einzelnen auf 139 272 Mark bei den Winterfrüchten,
80 055 Mark bei den Sommerfrüchten, 166 845 Mark im Brachfeld, 9600 Mark beim Heu und Öhmd, 12 000 Mark in den Gärten und Ländern, 5042
Mark in den Baumgütern und 15 069 Mark in den Weinbergen. Mit 105 833 Mark nur gering angeschlagen wurden die 13 840 beschädigten
Obstbäume.

Dazu kam der Schaden an den Gebäuden, der mit 127 000 Mark angegeben wurde. 1 100 000 Ziegel waren zur Eindeckung der Häuser erforderlich.
Neben dem Rathaus war es vor allem die evangelische Peterskirche, die schwersten Schaden erlitten hat. 5150 Mark mußten zur Instandsetzung des
Gotteshauses aufgewendet werden, von denen die 2883 Seelen zählende Kirchengemeinde selbst nur einen Bruchteil aufzubringen vermochte.

Der Gesamtschaden in Neckargartach bezifferte sich nach den amtlichen Angaben auf annähernd 700 000 Mark, lag nach privaten Schätzungen
jedoch weit darüber. Als Notstandsdarlehen erhielt die Gemeinde für die Anschaffung von Ziegeln, Brettern, Kartoffeln, Saatfrucht, Rebstöcken,
Obstbäumen, Sämereien usw. 51 000 Mark vom Staat. An Liebesgaben kamen von den Zentralleitung des Wohltätigkeitsvereins in Stuttgart 93 391
Mark zur Verteilung. Die Hauptlast jedoch hatten die Betroffenen selbst zu tragen. Es war eine Last, die sich auf Jahre hinaus auswirkte.


Quellen:

Quelle: Neckargartach in alten Fotografien 1880-1945 von 1988 vom Jahrbuch Verlag Weinsberg ©Stadtarchiv Heilbronn 1988










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