Wetterchronik 1838

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März

Großes Oderhochwasser eingetragen von Mark am 2. Juli 2001

"Es war zu Anfange dieses Jahres ein starker Frost mit vielem Schnee, so daß er über viele
Hecken und Zäune , und mit bangen Ahnungen sah man ein Abgehen des Schnees und Eises
entgegen. Es fiel jedoch zu Anfang des Monats März plötzlich Tauwetter ein und der Schnee
ging weg, man wußte nicht, wie. Die Oder blieb ganz klein und man schöpfte schon glückliche
Hoffnungen.

Es wurden indem aber viele Anstalten an der neuen Oder getroffen, um dem noch immer 3 Fuß
starken Eises beim Abgange Einhalt zu tun. Es wurden 24 Fuß lange Bretter und 12 Fuß lange
Pfähle in Menge und vieler Mist und Faschinen hingeschafft.

Aber zum 12. März fing das Wasser sehr an zu wachsen und wir mußten Wächter nach dem
neuen Oderdamm schicken. In der Nacht vom 15. Zum 16. fing das Eis an zu rücken und setzte
sich zwischen den Dörfern Alt-Lietzegöricke und Zäckerick zu Grunde und die Gefahr wurde
immer größer, so daß schon durch Aufstellen der Bretter auf dem Damm dem Wasser Einhalt
gethan werden mußte. Und gegen vier Uhr nachmittags ging das Wasser Viertelmeile lang über
den Damm, und alle menschliche Hülfe war vergebens., so daß sich kaum die Dammwächter
das Leben retteten und dreie davon auf dem Damm bleiben mußten welche erst am folgenden
Morgen von den Alt Lietzegörickern gerettet wurden und so bildeten sich drei Brüche der erste
auf der Feldmarkt zu Alt Lietzegöricke von einigen 70 Ruthen lang, der zweite auf derselben
Feldmarkt von 45 Ruthen lang, der dritte auf der Feldmarkt zu Güstebiese von 27 Ruthen
Länge.

So war die unglückliche Stunde des Mittelbruchs geschlagen. Ich hatte beim Durchbruch noch
noch über 210 Sack Ertoffeln in der Erde und 100 Säcke noch in dem Keller zu liegen, es wurde
mit aller Anstrengung der Kräfte bis am späten Abend gearbeitet, und nach dem Abendessen
die aus den Kellern gebracht und so gönnten wir uns einige Stunden Ruhe, indem man sagte
wir hätten noch den ganzen Tag Zeit, bis wir in der Nacht um 1 Uhr von den Wriezenern und
Altkietzern geweckt wurden welche Kähne auf Wagen brachten, um Menschen zu retten,
sogleich wurde wieder los gearbeitet und zuerst die Keller gut abgesteift, dann auf dem Boden
Platz gemacht, um Ertoffeln hinauf zu bringen.

Und so gingen wir an die Ertoffeln, aber als der Tag anfing zu grauen, sah es in der Ferne wie
Nebel aus als es aber heller wurde war es lauter Wasser und schon hinter dem
Rosenbaumschen Garten, und so mußten wir schon gleich nach 7 Uhr morgens bei meinem
Backofen wo ich die Ertoffeln zu liegen, und noch Brot im Backofen, welches zwar schon gar
war die weiß ausnehmen dieweil das Wasser jetzt von Reetz her über alle Berge wie eine
Tonne hergewälzt kam und so hatte ich es schon 7 Uhr auf meinem Hofe, und gegen Mittag
schon im Dorfe. Die Gefahr wurde immer größer und um 9 Uhr abends des 17 ten hatte ich es
schon in meinem Hause. Es war eine dunkle Nacht und so wie bei Schneegestöber und das
Wasser blieb beim Wachsen und man sah sich schon ängstlich um nach Rettung, standen
schon vieles Vieh in den Ställen im Wasser, so nun raus geschafft werden mußte und in die
höchsten Häuser, Höfe und auf der Straße wo noch etwas Land war gebracht wurden. Zu
diesem Unglück kamen die Wriezener Schiffer und viele Mannschaften mit Oderkähnen und
wollten bei unserer Anfahrt an dem Damm einen Durchstich machen um zu retten. So angenehm
dieser Anblick war, so ließen wir es doch nicht zu und wir wollten lieber unser Vieh und uns
selbst opfern, als einen Dammbruch zu haben.

Die Wriezener waren sehr unwillig wir wurden aber von dem Präsident welcher in Wrietzen war
mit vielem Beifall belegt indem die Schiffer nach dem Durchstich bei Neu Tornow angewiesen
waren und jetzt sogleich da sie nun nicht fahren wollten mit Gewalt dazu gezwungen.

Das Wasser blieb beim Wachsen und die Gefahr wurde immer größer, so kam denn am
Nachmittag der Schiffer Hoppe aus Wrietzen von Güstebiese wo er am Morgen des 18 ten von
hier mit einem kleinen Kahn hingefahren war mit einem großen Oderkahn und so wurden den
Schulzen Juhre seine Kühe welche bis an dem Bauch schon im Wasser standen eingeladen
und durch das Dorf nach dem Damme gefahren, herzrührend war der Anblick, als man durch
das Dorf fuhr. Ich hatte in meinem Hause 10 Zoll Wasser aber in meinem Pferde Stalle fehlten
noch 6 Zoll ehe es an der Schwelle kam, aber hinten nach dem Fohlen Stall war dieselbe
Schwelle im Wasser, in dem untersten Stalle waren 2 Fuß Wasser, wo einige 60 Sack Ertoffeln
lagen, die Scheune stand bis an den ersten Riegel im Wasser, auf dem Hofe hatte ich noch
einen ziemlich trockenen Platz welcher voll Ertoffeln lag, ich hatte jedoch 2 Fuß hoch im
Pferdestalle mit Faschinen und Mist gerüstet, wo die Pferde und Fohlen darauf standen und die
Kühe und Ochse nach der Wand gebunden weil mir der Einsturtz des Kellers ängstigte, es
schon mehrere runter gefallen waren und so sollten sie bei immerwährendem Wachsen nach
der Schlaf und Heckselkammer wo auch schon gerüstet war und ich wohnte gebracht werden,
in der Kirche stand es bis auf die Bänke.

Und so fing es am 18 ten des Abends an zu fallen und fiel die Nacht hindurch 2 Zoll, und so ließ
man mit dem Viehfahren ein und so fing es an, Tag und Nacht 10 Zoll zu fallen, ließ aber bald
wieder nach, weil der Bruch kein Vorland hatte und noch am 10. Mai durch einen großen
Fangdamm welcher sehr schwierig und mit großer Mühe gemacht wurde das Bruch entwässert
wurde, zu dem Fangdamm mußte jeder 4 Säcke schicken in welche Sand gemacht wurde um
den starken Strom Einhalt zu thun.

Die unteren Brüche hatten Vorland und wurden bald trocken, auch wurden wir sogleich
aufgefordert a Ruthe 2 Thaler Dammruthengeld zu zahlen und da wir uns weigerten sollten wir
mit Execution belegt werden und wir mußten zahlen. Mir blieben 100 Sack Ertoffeln im Wasser,
welche wir nicht hochbringen konnten, der Backofen war eingefallen, auf dem Vorderflur waren
die Dielen in die Höhe geschwommen, die Ertoffeln wurden schon den 6 ten Tag auf den Boden
gebracht, aber sie faulten alle und wir hatten viele unnöthige Arbeit mit.

Ferner sind Unglücksvälle eingetreten. Der Durchbruch bei Neu-Glietzen, der sogenannte alte
Schleusenkanal, welcher zugedämmt war und der Landrath Baier noch fortwährend dämmen
ließ, weil die Chaussee verschont bleiben sollte aber dadurch nur noch schlimmer machte,
dieweil das Wasser nun mit solcher Kraft durchging, daß meherere Häuser einstürzten und
einen ziemlichen Theil des Chaußees mit weg nahm.

Und da nun schopn Neu-Thornow in Gefahr war weggerissen zu werden so sollte der Damm
durchgestochen werden, welches aber nicht frühzeitig genug geschah, und der Damm nun noch
2 Ellen tief gefroren war so war die Arbeit sehr schwierig und kam erst Sonntag den 18 ten zum
völligen Durchgang und nun hatte sich das Eis der Alten Oder vor die Brücke beim Fährkruge
festgesetzt und die Brücke war in Gefahr, es wurde denn noch ein Theil des Brückendamms
weggerissen und da nun durch die ungeheure Kraft des Durchstichs die Alte Oder mit Wasser
gefüllt wurde so ging das Wasser da kaum Anstalten getroffen waren über den jenseitigen
Oderdamm und wurde ein Dammbruch auf dem Alt Tornower Feldmarkte und das Wasser
drängte sich nun so sehr zurück, daß die Brücke des Kanals bei Wrietzen nur durch unermüdete
Anstrengung gehalten wurde und die Dörfer des Oderbruchs bis Neu-Lewin unter Wasser
gesetzt wurden. Es waren an der neuen Oder über 700 Morgen versandet und das Unglück im
Mittelbruche sehr groß und es bildete sich ein Hülfsverein zu Wrietzen, und es wurden Gaben
von weit und breit gespendet so daß im ganzen zusammen kommen 57000 Th geld und beinahe
eben soviel an Kleidungsstücke wovon wir aber so wenig Geld und Kleidungsstücke bekamen,
nur der Eigenthümer Weckwerth und Rosenbaum und der Schäfer Reichmuth bekamen etwas
und waren andere ebenso beschädigt wie sie, also die Auftheilung der Gaben sehr ungleich."

Quellen:

Das Gedenkbuch der Schulzenfamilie Kretke aus Mädewitz
http://members.tripod.de/~altreetz/Beitrag130.htm









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