Wetterchronik 1872

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13. November

Bericht zur Ostsee-Sturmflut aus Warnemünde eingetragen von Mark am 2. Juli 2001

»Der 13. November war für
Warnemünde ein Tag, der dem, welcher ihn erlebt, nie aus der Erinnerung schwindet. Hatte man dortwohl
gelesen von großen Überschwemmungen und all dem Elend, die solche mit sich führten, so blieb es eben
bei dem Mitgefühl, bei der geschenkten Teilnahme, eine rechte Vorstellung von der ganzen Lage konnte
man jedoch nicht haben. Jetzt aber können die Warnemünder aus Erfahrung reden, ist ihnen doch der Tod
in grauenhafter Gestalt so nahe vor die Augen getreten, daß es nur noch Stunden bedurfte, um den Ort mit
seinen 1600 Menschenleben zu vernichten. Schon am Dienstag wehte es stark aus Nordost. Die
hochgehende See jagte eine solche Menge Wasser in den Strom, daß dieser schon abends gegen 5 Uhr
bis zur Höhe der Molen vollstand und Ost- und Westniederungen bereits mehrere Fuß unter Wasser
gesetzt waren. Aus Vorsicht hatten mehrere Lootsen und Fischer ihre Boote aufs Land gezogen, andere
aber die ihrigen nur sorgfältiger am Ballwerk befestigt, weil diese zum nächsten Morgen auf besseres
Wetter hofften. Aber es sollte anders kommen! Der nordöstliche Sturm verwandelte sich um Mitternacht in
einen nordöstlichen Orkan... Als es aber Tag war, da bot sich dem Auge Schreckliches. Die beiden
Baken auf den Enden der Molen, und letztere selbst waren verschwunden. Der neue breite Weg, die
Hauptpromenade der Badegäste mit der 'Bismarkgrotte', das ganze Herrenbad, das Damenbad, bis zur
Hälfte hatte das Meer bereits weggeräumt, und hinter den Anlagen, wo der See ein Durchbruch durch die
Dünen gelungen war, stürzte mit großer Gewalt das Element seine Fluten in die Niederung, zunächst den
Weg nach Diedrichshagen, dann in augenblicklicher Schnelligkeit auf die Chaussee nach Rostock, die
beiden einzigen Landwege unter Wasser setzend. Warnemünde war nun im buchstäblichen Sinne eine
Insel, und die Bewohner mußten sehen, wie ihre Scholle Land von Stunde zu Stunde kleiner wurde. Im
Orte selbst stieg Gefahr und Angst zusehends höher. Das ganze Rostocker Ende, die Mühlenstraße mit
dem Mühlengehöft standen um 10 Uhr schon fensterhoch unter Wasser. Männer, denen die Wellen bis
unter die Arme schlugen, schleppten ihre Frauen und Kinder aus den Häusern und suchten sie nach höher
gelegenen Stellen des Ortes oder nach der neuen Kirche zu bringen, dann zurückeilend, um Betten,
notwendige Kleidungsstücke, Vieh und dgl. zu holen ... «
Die höchsten und sicher registrierten Wasserstandsdaten längs der südwestlichen Ostseeküste stammen
eben von diesem 12./13. November 1872. Seither sind sie nicht wieder erreicht worden. Dennoch bilden
sie den Maßstab für Aufbau und Unterhaltung des Küsten- und Hochwasserschutzsystems in Mecklenburg
- Vorpommern

Quellen:

Umweltministerium Mecklenburg-Vorpommern/Küstenschutz
http://www.um.mv-regierung.de/kuestenschutz/bschutz/ks_4historisch.htm









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