Wetterchronik 1927

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1. Juni

Windhose richtet in Lingen große Zerstörungen an eingetragen von Mark am 19. Juni 2001

Vorwort

Eine furchtbare Wirbelsturmkatastrophe hat am 1. Juni 1927 die Stadt Lingen (Ems)
und einen Teil der angrenzenden Landgemeinden heimgesucht und Zerstörungen
angerichtet, die aller Beschreibung spotten. Zahlreiche Beileidsbekundungen sind bei
der Stadtverwaltung in Lingen aus dem ganzen Reiche eingegangen. Eine Hilfsaktion
bei Parlamenten und Behörden hat sofort eingesetzt.

Die Wirbelsturmkatastrophe selbst, die von ihr angerichteten Zerstörungen und die
einzelnen Schritte der Lingener Kommission, die nach Berlin entsandt wurde, sind in
zahlreichen Zeitungsartikeln geschildert worden. Es fehlt aber an einer Sammlung und
Zusammenstellung der einzelnen Berichte. Aus der Bevölkerung ist die Anregung
gekommen, es möchten die Zeitungsberichte in einer kurzen Broschüre
zusammengestellt werden, um eine Aufbewahrung für unsere Nachkommen zu
erleichtern und zugleich durch Verbreitung der Broschüre weitere Kreise für die
Hilfsaktion zu gewinnen. Dieser Anregung wird auch schon aus dem Grunde
entsprochen werden, weil die Hoffnung besteht, daß aus dem Verkauf der Broschüre
dem Fonds für den Wiederaufbau noch einige Mittel zufließen werden.

Lingen, im Juni 1927

Gilles
Bürgermeister

Schilderung eines Augenzeugen

Wie aus den Presseberichten hervorgeht, wurde die Katastrophe durch eine sog.
Windhose verursacht, die am 1. Juni von Holland her über das Emsland hereinbrach
und über dem Hümmling ins Oldenburgische weiterzog.

Über das Ergebnis der Windhose gibt ein Augenzeuge folgenden Bericht:

"Ich war in einem Laden, um Besorgungen zu machen und trat auf die Straße, als ich
kurz nach 5 Uhr, nachdem sich die Luft verdunkelt hatte, von Südwesten her über
Schepsdorf unter donnerähnlichem Getöse eine mehrere hundert Meter lange
trichterförmige Wolkensäule sich der Stadt nähern sah. Ich dachte zuerst an ein
nahendes Gewitter, oder an einen Brand, mußte aber bald darauf feststellen, daß es
sich um eine Windhose handelte, die in den nächsten Minuten furchtbares Unglück über
unsere alte friedlich daliegende Stadt Lingen bringen sollte. Was nun geschah, kann ich
nicht mehr wiedergeben. Es herrschte ein furchtbares Sausen in der Luft, die Pfannen
fielen schockweise von den Dächern, Balken und Sparren flogen durch die Luft. Ich
suchte Schutz irgendwo, um nicht von den von den Dächern herabstürzenden Trümmern
getroffen zu werden. Kaum hatte ich mich umgesehen und gefragt, was eigentlich
passiert war, und - in nicht mehr als einer Minute war das furchtbare Unglück
geschehen."

Das Zerstörungswerk

Der Berichterstatter der "Osnabrücker Volkszeitung", Redakteur F. Schumacher,
Osnabrück, gibt von der Katastrophe folgende Schilderung (Osnabrücker Volkszeitung
vom 2. Juni 1927):

Nach dem telephonischen Anruf, durch den uns Mitteilung von der großen Katastrophe
gemacht wurde, brachte mich bald ein Auto in sausender Fahrt zu der Unglücksstätte.
Meine Phantasie malte mir unterwegs entsprechend den ersten Mitteilungen Bilder
schrecklicher Zerstörung vor, aber diese wurden von der Wirklichkeit noch übertroffen.
Was ich sah, war so furchtbar in seinen Einzelheiten, daß ich in der Eile kaum Worte
finde, um sie in allen Einzelheiten zu beschreiben.

Von den geradezu furchtbaren Wirkungen der Windhose konnte ich mich sodann auf
meiner Rundfahrt überzeugen. Das Unglück nahte von Schepsdorf aus: wir wollen hier
mit unserer Schilderung beginnen.

Da liegt zunächst hart an der Straße von Schepsdorf nach Lingen ein ländliches Haus,
das von den Familien Bruns, Krämer, der Witwe Haverland, Frese und Hilmes bewohnt
wird. Insgesamt sind dieses drei kleinere Häuser, die zum Teil mit ihren Grundmauern
von der Windhose hochgehoben wurden, die Mauern sind geborsten, die Dächer
abgedeckt. Gegenüber sehe ich einen Neubau, von der Familie Lampenschulte, von
dem das Dach glatt abgedreht wurde. Furchtbare Verwüstungen hat die Windhose
auch auf der Besitzung der Villa Windhoff angerichtet. Nicht nur daß das Dach des
einen Gebäudes vollständig abgedeckt wurde: in den Gartenanlagen sind die Bäume
entwurzelt, die Mauern umgeworfen, und in den Gartenanlagen sieht es aus, als ob kurz
vorher eine Schlacht sich dort abgespielt habe. Auf der anderen Seite der Ems bei
Hofbesitzer Möddel wurden die Scheunen abgedeckt. Wieder auf der anderen Seite,
auf der "Gelgöskenstiege", ist ein Haus, bewohnt von den Familien Langemann und
Kley, fast ganz dem Erdboden gleichgemacht. Auf der Straße weiter nach Lingen sind
mehrere von den großen Bäumen der wundervollen Allee glatt entwurzelt, liegen
glücklicherweise in den Wiesen, so daß die Straße hier nicht gesperrt ist.

Weiter nahm die Windsäule ihren Weg über den Kanal zu den sogenannten Bögen.
Hier hat vor allem der Neubau der Familie van Kampen besonders stark gelitten. Bis
auf die Umfassungsmauern ist das Haus vollständig zerstört. Unten im Hause hat Frau
van Kampen mit ihrem Säugling im Zimmer gesessen während des Unwetters,
glücklicherweise sind beide unversehrt geblieben. Die Wohnhäuser von Watzmut und
Rodenwald sind gleichfalls sehr stark an den Dächern und am Mauerwerk geschädigt.
Die von Herrn Dr. Bergmann bewohnte frühere Stöve'sche Apotheke ist völlig ihres
Daches beraubt und der alte stabile Bau bis in die Grundfesten erschüttert. Eine
Glasveranda ist spurlos weggeweht. Die Möbel im Zimmer des Hauses bilden mit den
aus den Angeln geschleuderten Fenstern und Türen ein wüstes Durcheinander. Die
Obstbäume sind entwurzelt, die Beete usw. verwüstet.

Die Windhose hat dann weiter ihren Weg genommen über die Innenstadt und zwar über
Elisabethstraße, Schlachterstraße, Marktplatz, Gymnasialstraße, Klubstraße,
Carolinenstraße, Baccumerstraße, Wall, Wilhelmstraße, Parkstraße, zu den
Hofbesitzern Böhmer und Brögber und von da weiter zur örtlichen Stadtflur. Der alte
Marktplatz mit seinem historischen Rathaus und den anderen alten und neuen Häusern
bot ein geradezu grauenhaftes Bild. Von den Dächern gestürzte Pfannen und Sparren,
Balken und Ziegelsteine der eingestürzten Giebel bedecken die schmalen, engen
Straßen, die auf den Marktplatz münden. Über diese Trümmer hinweg sucht die
Bevölkerung, die natürlich voll auf den Beinen war, ihren Weg, indem sie entweder Hilfe
leistet, bei der Reparatur beschäftigt ist, oder aber die auf verschiedenen Dächern
lagernden Bäume zu beseitigen sucht. Das Kobert'sche Haus ist vollständig
abgedeckt, ebenfalls das gegenüberliegende Hammerle'sche Haus, wo die Trümmer
bis in die Parterreräume gestürzt sind. Nebenan steht das Haus der Verlagsfirma van
der Veldmann, von dem der Dachstuhl und der größte Teil des Giebels auf der einen
Seite vollständig weggerissen wurden.

Von dem Rathaus ist ebenfalls das Dach abgedeckt, wogegen das Raker'sche Haus
zum großen Teil eingestürzt ist. Aus den Trümmern des Raker'schen Hauses wurde ein
10jähriger Knabe namens Flerlage hervorgezogen, der zwar noch lebend zum
Krankenhause befördert werden konnte, dessen Befinden aber zu den schlimmsten
Befürchtungen Anlaß gibt. Mit welcher furchtbaren Gewalt der Wirbelsturm hier gewütet
hat, mag daraus hervorgehen, daß von dem Bahrenhorst'schen Hause in der
Schlachterstraße eine große Steinkugel abgehoben und durch die Mauer des
Gasthauses "Ratskeller" geschleudert wurde, im Hause Uhr, Klavier usw.
zertrümmernd. Schwer gelitten haben am Markt auch das Stadthaus, sowie die Häuser
von Goldbach und Appelhans.

An Hand des Zerstörungswerkes kann man genau verfolgen, welchen Weg die
Windhose genommen hat, in etwa 100 Meter Breite alles mit sich reißend, was ihr im
Wege stand. In der Klubstraße wurde ein Teil der erst im vorigen Jahre erbauten
Likörfabrik Lambers vernichtet. Dieser Teil des Gebäudes war vollständig eingestürzt.
Dann führte mich mein Weg zu dem angrenzenden Schulplatz, wo der Wirbelsturm
gleichfalls furchtbar wütete und die dort stehenden uralten Linden von 0.80 bis 1 Meter
Durchmesser glatt knickte oder entwurzelte und sie zum Teil auf die Dächer der
nebenstehenden Häuser warf, von denen sie mit viel Mühe von den Feuerwehrleuten
und Mannschaften der Eisenbahnwerkstätte, welche sofort requiriert waren, entfernt
wurden., damit weiteres Unheil vermieden werde. Arg gelitten haben auch die
luthersche Kirche und das Finanzamtsgebäude am Schulplatz. Hier sind es vor allen
Dingen die Dächer und die Giebel, die stark mitgenommen sind. Sehr groß ist auch
der Schaden an Fensterscheiben und -rahmen. Kein Haus, das betroffen wurde, ist
hiervon verschont geblieben. Entweder sind die Scheiben eingedrückt, oder die
ganzen Fensterrahmen ausgehoben worden. In der Baccumerstraße auf dem mittleren
Eingang zum Wall sind sämtliche Dächer und Giebel der Häuser eingestürzt. Nur mit
Lebensgefahr konnten die Bewohner die Straßen passieren, und die
Absperrungsmannschaften haben ihre liebe Not, die Passanten zurückzuhalten, um
Verletzungen durch nachträglich herabstürzende Pfannen und Giebel zu verhüten. Vom
Gerichtsgefängnis sind die Schornsteine eingestürzt; auch das Dach ist hier zum
größten Teile abgedeckt. Von hier aus nahm die Windhose ihren Weg nach der
Wilhelm- und Parkstraße, fast neue Straßenzüge. Auch hier wurden eine ganze Anzahl
Dächer abgedeckt, Giebel eingedrückt, in den Gärten gleichfalls furchtbare
Verwüstungen angerichtet. Von dem in der Parkstraße gelegenen, dem
Sparkassendirektor Kaune gehörenden Wohnhaus ist das Dach vollständig
heruntergefegt. An dem Wohnhaus von Appelhans ist das Hintergebäude völlig
vernichtet. Ein Schuppen am Wall wurde dem Erdboden gleichgemacht, ebenfalls das
dem Webereibesitzer Wagner gehörende Wohnhaus am Wall wurde vollständig
abgedeckt und die Trümmer stürzten in das Erdgeschoß, so daß die Bewohner ihre
Räume nicht mehr bewohnen können.

Eine ganze Anzahl Familien sind durch die einstürzenden Gebäude und starken
Beschädigungen obdachlos geworden. Diese wurden sofort in den Gasthäusern bzw.
bei Privatfamilien untergebracht.

Bot das bisher Geschaute schon ein furchtbares Bild der Verwüstung, so wurde dieses
noch übertroffen als ich jetzt das Gelände des sogenannten Böhmerhofes betrat, ein
großes landwirtschaftliches Besitztum, zwischen Kleinbahn und Waldstraße gelegen.

Ein Gebäude der Böhmer'schen Wassermühle war vollständig abgedeckt, die
Trümmer fand ich in etwa 100 Meter Entfernung im Walde unter abgeknickten Bäumen
usw. wieder. Der Mühlenteich ist eingefaßt mit einer ganzen Anzahl Pappelbäumen.
Diese waren sämtlich in etwa 5-6 Meter Höhe glatt abgebrochen, ebenfalls die dahinter
stehenden Obstbäume in dem großen Garten, wie denn überhaupt hier eine
Verwüstung angerichtet war, die sich gar nicht in Worten ausdrücken läßt. In dem
angrenzenden Wald herrschte ein furchtbares Durcheinander. Dicke Eichenbäume von
40 bis 80 Zentimeter Durchmesser waren glatt geknickt oder entwurzelt, so daß Löcher
von mehreren Metern Tiefe entstanden sind. Ganze Dächer wurden hochgehoben und
kilometerweit fortgetrieben. Die Stallgebäude haben am meisten gelitten, die Dächer
sind zum Teil vollständig zerstört. In einem wüsten Chaos sehe ich entwurzelte Bäume,
Gestrüpp, dazwischen Trümmer von landwirtschaftlichen Maschinen usw. usw. Weiter
rechts sieht man ein langes Wohnhaus, das von den Familien Klapprott, Fischer,
Radeke, Thien und Ober bewohnt wird. Es ist vollständig zertrümmert, Hab und Gut der
Familien zum größten Teil vernichtet. Ferner ist das Haus von Kampschulte fast
vollständig zerstört. Auch die Siedlung an der örtlichen Stadtflur hat stark gelitten. Das
Telephon- und Telegraphennetz war in dem von dem Unglück betroffenen Stadtgebiet
natürlich vollständig zerstört, so daß Lingen am Nachmittag und Abend fast von jeder
telephonischen und telegraphischen Verbindung abgeschnitten war. Ebenfalls war die
Stormzufuhr zum Teil gestört.

Das Gesamtbild, das ich in der kurzen Zeit schaute, war furchtbar. Zwischen den
Trümmern sah man die Hilfsmannschaften, die Eigentümer der Häuser, die mit den
Räumungsarbeiten beschäftigt waren, oder, soweit es möglich war, Reparaturen
vornahmen. Trotz des entsetzlichen Unglücks kann man immer noch mit einer gewissen
Genugtuung feststellen, daß Menschenleben wenigstens bis zur Stunde nicht zu
beklagen sind. Gewiß sind durch herabstürzende Gesteinsmassen usw. eine Anzahl
Personen zum Teil schwer verletzt worden, doch ist zu hoffen, daß sie mit dem Leben
davonkommen. Durch die einstürzenden Dächer und Decken wurde in den unteren
Räumen der Häuser natürlich ebenfalls größerer Schaden verursacht, da die
Wohnungseinrichtungen oder in den Läden von Geschäftshäusern die Waren
beschädigt bzw. zertrümmert wurden. Ein Glück war es ferner, daß kein Brand
hinzukam, wodurch das Unheil noch vergrößert worden wäre. Die Feuerwehr hat auf
dem Marktplatz sämtliche Feuerlöschgeräte aufgefahren, ebenfalls war die
Sanitätskolonne alarmiert um da wo es notwendig war, einzugreifen. Die Behörden, die
Stadtverwaltung und das Landratsamt trafen sofort alle notwendigen Maßnahmen. Auf
Ansuchen des Magistrats stellte die Direktion der Eisenbahnwerkstätte bereitwillig
einige hundert Mann, mit den erforderlichen Gerätschaften ausgerüstet, zur ersten
Hilfeleistung zur Verfügung. Neben der Feuerwehr waren auch freiwillige
Hilfsmannschaften, soweit es möglich war, an dem Rettungswerk beteiligt.

Gleich nach 8 Uhr erschienen auch Regierungspräsident Dr. Sonnenschein und
Vizepräsident Schmieder in der schwer heimgesuchten Stadt und besichtigten mit
Landrat Dr. Pantenburg und Bürgermeister Gilles die Trümmerstätten. Der
Regierungspräsident hat noch am Abend über das furchtbare Unglück einen
telegraphischen Bericht nach Berlin gegeben und sofort im Verein mit der
Stadtverwaltung eine Hilfsaktion eingeleitet, über die Näheres morgen
bekanntgegeben wird. Zunächst müssen die von dem Unwetter Geschädigten sich
morgen sofort bei der Stadtverwaltung melden und ihre Schäden, so gut als möglich ist,
angeben. Es wird dann das weitere von der Stadt im Verein mit der Regierung
veranlaßt werden.

Quellen:

Aus:
Die Wirbelsturm-Katastrophe in Lingen (Ems) am 1. Juni 1927 und ihr Zerstörungswerk.
Zusammengestellt von Herrn Bürgermeister Gilles (Lingen)

http://www.blitzwetter.de/lingenframe.htm









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