Wetterchronik 1931

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5. August

Unwetter in Mehlem eingetragen von Mark am 27. Maerz 2004

,,So sieht es jetzt im Ländchen aus - Das Unwetter vom 5. August in Mehlem
Ein Augenzeuge gibt einen dramatischen Bericht des Unglückstages
Felder auf Jahre hinaus zerstört
Der Augenzeuge berichtet: Am Mittwochnachmittag gegen 5 Uhr, nach einer tropischen Hitze, verfinstert sich der Himmel, und ein furchtbarer Wolkenbruch mit walnußgroßen Hagelkörnern
prasselt gegen Fenster und Türen, Feldfrüchte vernichtend, Dächer und Schornsteine zerstörend. Grelle Blitze durchzucken die schwarzgelben Wolken, und ein Orkan schüttelt die Bäume.
Gegen 6,30 Uhr hat das Unwetter etwas nachgelassen, und ich besichtige in meinem Obstgarten den angerichteten Schaden. Der Mehlemer Bach, der die Grenze meines Besitztums bildet, führt
zu meinem Erstaunen wenig Wasser.
Doch was ist das? Ein rollendes Brausen und Donnern in weiter Ferne! Schnell begebe ich mich auf die Landstraße, wo ich von einem erhöhten Punkte aus das Bachemer Tälchen übersehen kann.
Das Brausen und Rollen schwillt von Sekunde zu Sekunde stärker an. Jetzt wird es zum elementaren Dröhnen. Eben sehe ich, wie die Kronen der Bäume auf den Obstwiesen wie von starken
Sturm geschüttelt scheinen und sich umlegen, als ich den Bach entlang eine furchtbare, von Lehm gefärbte Welle von vielleicht drei Meter Höhe erblicke, die sich mit schrecklichem
Getöseheranwälzt und deren Gischt sich in den Kronen der Bäume bricht, von der untergehenden Sonne grell beschienen. Ein schauerlicher Anblick! An jedem Baum und Strauch erprobt das
entfesselte Element seine Gewalt. Was dem ersten Anprall nicht standhält, wird umgerissen. Verhältnismäßig langsam wälzt der tobende Bach seine gelben Wassermassen dem unglücklichen
Ort zu.
Aus meiner Erstarrung erwachend, renne ich mit meinen langen Beinen wie besessen den Berg hinunter dem Ort zu. Schreie in der ersten, dem Bach zuführenden Straße: ,,Räumt aus, der Bach
kommt!" Ich rase weiter, immer wieder dasselbe rufend. Jage Männer und Kinder an die gefährdetsten Stellen, um die Leute zu warnen. ,,De Lang is jeck worde" ertönt es hinter mir. Man lacht.
Wer denkt auch an das kleine Bächlein, das die Kinder eben noch mit nackten Füßen durchliefen! Bis zur Kirche renne ich, atemlos, nicht mehr fähig zu sprechen. - Es ist 6,50 Uhr geworden.
Plötzlich höre ich mit Entsetzen ein Donnern, Krachen und Toben, ein Schreien und Jammern. Der Bach ist da. Reißend toben die Wassermassen über die Wiesen des Oberdorfes, alles
zerstörend, was auf ihrem Wege liegt. Mauern und Gitter der Gärten stürzen, Brücken werden fortgerissen, Tore aus den Angeln gehoben, Bäume krachen. Das Wasser dröhnt in die Scheunen
und Ställe, das Vieh schreit in Todesangst, ertrinkt. Brausend tobt die Flut jetzt gegen die Unterführung des Bahndammes, die die Wassermassen nicht fassen kann. Die Flut prallt zurück,
verwandelt die in einer Mulde dahinter liegende Mühle und die ganze Umgegend in einen kochenden See, braust die querliegende Mühlenstraße hinunter bis zur parallel liegenden Meckenheimer
Straße, stürzt dort als reißender Strom weiter, das ganze Häuserviertel im Augenblick in 2-4 Meter Höhe durchbrausend und mit einem zähen, gelben, festen Schlamm bedeckend. Möbel,
Hausgeräte, Türen, Bretter, Bäume, Sträucher, tote Schweine und Federvieh führen einen tollen Tanz auf in dem rasenden Element, werden dann von dem brausenden Wellen mitgerissen gegen
Häuser und schwere Gartenmauern der Villengärten, die wie Kartenblätter wegfegen, wühlt tiefe Löcher von 3 bis 4 Meter Höhe in die Rheinanlagen, reißt die Werftmauer fort und stürzt sich
tobend in den Rhein.
Hier werden schwere Waschmaschienen aus dem Schaufenster des einen Geschäfts über die Straße durch das Fenster des gegenüberliegenden Geschäfts geschleudert. Krachend zerbrechen die
großen Scheiben. Dort schreit ein Ehepaar mit einem Kind um Hilfe, deren Haus von den rasenden Wassermassen eingeschlossen ist. Am anderen Hause rettet ein Mann seine Familie vom
nebenliegenden Dach aus. Schweine und Pferde werden in aller Hast fortgeführt.
In fieberhafter Eile arbeiten die Feuerwehren von Mehlem und den umliegenden Ortschaften. Die fast gelähmte 80jährige Frau in dem kleinen, tiefliegenden Häuschen, wo ist sie? Sie kroch bis
zum Speicher, die Feuerwehr rettete sie durch die Dachluke. Drei kleinere Kinder findet man auf einem schwimmenden Küchentisch. Die Eltern, bei der Feldarbeit, überrascht das Unwetter. Eine
Kuh, eine Kuh! Schwimmend sucht sie sich zu retten. Tapfere Männer ziehen das arme Vieh auf's Trockene. Und dort in jenem baufälligen Häuschen? Elf Kinder bringt man durch ein winziges
Fenster über Holzplanken in Sicherheit. Weinend umstehen sie die Eltern. Mit Getöse weichen die letzten großen Scheiben dem Wasserdruck, alles Bewegliche spülen die Fluten mit fort. Frauen
schluchzen, die Menge steht stumm.
2 Stunden toben die Wellen
Ein trauriges Bild bietet sich nach Ablauf des Wassers. Die Nacht ist inzwischen hereingebrochen. Das Licht ist zerstört. Mit Pechfackeln waten die Rettungsmannschaften durch den Schlamm.
Gespensterhaft beleuchtet die rote Glut die verstörten Gesichter der Bewohner, zittern die schwarzen Schatten über die trüben Fluten.
Grauenhafter Anblick in der Mühle!
Der Müller, im Begriff, Pferde und Kühe loszukoppeln, wurde von den reißenden Wassern überrascht und rannte um sein Leben. Sämtliches Vieh ist ertrunken, 6 prachtvolle Kühe, 3 kräftige
Pferde, Schweine, Federvieh. Bis zum ersten Stock rauschte das Wasser.
Es ist 11 Uhr geworden. Müde gehe ich heim. Finster liegt der Ort,nurhier und da schimmert ein Kerzenlicht. Unheimlich strömt und rauscht noch der aufgeregte Bach. Welch unsagbar größeres
Unglück, wäre die Flut zwei Stunden später gekommen.
Am anderen Tag. Strahlend geht die Sonne hinter den sieben Bergen auf. Ein Ort des Grauens und der Verwüstung bietet sich ihr dar. In den Kellern steht das gelbe Wasser, an den Wänden, auf
den Trümmern, auf den Straßen haftet ein halbes Meter hoch der zähe Schlamm. Freunde, Helfer, die Männer des Ortes, jung und alt, arm und reich, stehen barfuß und schaufeln Schlamm, dicken
gelben Schlamm. Die Pumpen der Feuerwehren arbeiten in den Kellern, ein dicker Strahl gelben Wassers schießt aus den Schläuchen. Äste, Geröll und Trümmer häufen sich an den tieferliegenden
Stellen. Die am Bach gelegenen Häuser und Mauern sind teilweise dem Erdboden gleichgemacht, teilweise vollständig verschlammt. Die armen Leute sind bei guten Menschen untergebracht. Sie
besitzen nichts mehr.
In der engen Mühlenstraße retteten viele nur das Leben. Alles ist vernichtet oder fortgespühlt. Die Felder und Wiesen sind für Jahre verwüstet, die Ernte verloren, das Vieh ertrunken. Weinend
sehe ich eine Frau auf der Straße stehen. Eine mit Schlamm bedeckte Matratze, der Teil eines Bettes, eine Kommode sind ihre Habseligkeiten. Ein unförmiger Lehmklumpen über einer Leiter. Es
waren einmal ihre Kleider. Schwere Kochherde schleuderte die Flut gegen Küchenwände, die krachend zusammenbrachen. Küchenschränke stürzten um, die Scherben sind nicht mehr zu sehen.
Türen flogen aus den Angeln, an den Fensterkreuzen hängt totes Geflügel. Hier wühlen Kinder im Schlamm, sie entdecken einen Teddy-Bären, der Form nach nicht mehr zu erkennen. Dort finden
Frauen zwischen Kohlen, an Gittern hängend, Wäschestücke, in Lehm gehüllt. Viele Häuser müssen geräumt und gestützt werden um sie vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Schwerkrank
liegen manche danieder vor Schrecken und Not. Mehlem, das blühende Städtchen am Rhein, ist eine Stätte der Zerstörung und Not geworden. Der Schade beläuft sich auf mehr als eine Millionen
Mark.

Quellen:

Bericht aus der Kölnischen Volkszeitung vom 17. August 1931
http://www.niederbachem-heimatverein.de/Augenzeugen2.html









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