Wetterchronik 1897

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1. Juli

Schweres Hagelunwetter in Öhringen eingetragen von Mark am 26. April 2003

In der Nacht vom 30.Juni zum 1.Juli wurden viele Orte unserer Gegend von einem überaus schweren Hagelwetter heimgesucht. Nicht nur, daß es seit
Menschengedenken noch nie so schrecklich getobt hatte, selbst die ältesten regelmäßigen Aufschriebe über das Wetter (seit 1828) hatten keine so starken
Verwüstungen zu berichten, wie diese Halbstunde sie anrichtete.
In Mittelfranfreich entstanden, zog es mit 15 Meter Sekundengeschwindigkeit durch Lothringen, Elsaß, Baden, Württemberg bis tief nach Bayern hinein und vernichtete bei
uns in einem 83 Kilometer langen und 8 bis 9 Kilometer breiten Streifen fast die ganze Pflanzenwelt und großenteils auch die Vögel. Der Öhringer Verein der
Vogelfreunde Suchte Meisen, Finken u. a. Sänger und Hüter für Wald und Feld zu kaufen, weil die allermeisten bei uns den Eisstücken zum Opfer gefallen waren.
Den Berichten aus jenen Tagen entnehmen wir:
"Sämtliche Häuser erzitterten, die Fenster und Dächer gegen Westen und Nordwesten wurden total zertrümmert und die Gärten, Felder und Weinberge so furchtbar
zugerichtet, daß an eine Ernte nicht mehr zu denken ist und man glauben kann, dieselben seien mit dem Dreschflegel bearbeitet worden. Die Bäume, insbesondere
unsere schönen Obstbäume, die so oft mit ihrer herrlichen Blüte und den reichen Früchten unser Herz erfreuten, sie sind entweder von dem Hagel, der in riesiger Menge
und bis zu Ganseigröße niederging, vollständig zerfetzt, des Laubs und teilweise der Rinde beraubt, oder sie sind von dem orkanartigen Sturm entwurzelt worden; kurz,
alles bietet ein Bild furchtbarer Zerstörung.
In Öhringen selbst wurde an sämtlichen Gebäuden durch Zerstörung der Dächer oder der Fensterscheiben mehr oder weniger Schaden angerichtet, so daß große Not wegen
Beschaffung von Fensterscheiben und Ziegeln herrscht. Am Fürstl. Schloß sind die Fenster gegen den Marktplatz vollständig zertrümmert. Ein ödes Bild bietet auch der
Fürstl. Hofgarten, wo die schönsten Bäume in großer Anzahl entweder zersplittert oder mitsamt dem Erdballen herausgehoben und umgelegt sind.
Einer Familie, die in einem Wagen am Adler übernachtete, wurde ein 1/4 jähriges Kind vom Hagel erschlagen. Ferner sind viele Vögel vom Unwetter getötet. Die
Störche auf dem Mildenbergerschen Haus befinden Sich in Pflege und Scheinen sich zu erholen, während die zwei Jungen tot sind. Auch sind die Hasen und Rebhühner auf
den Feldern sehr mitgenommen."
"Kein Halm, kein Blatt mehr in Feld und Garten. Es ist ein Schauerliches, trostloses Bild, das uns ein Gang durch die Umgebung bietet. Der ganze Ertrag eines Jahres bis
auf den letzten Rest verloren, soweit das Auge reicht, öde Winterlandschaft in glühendem Sonnenbrand. Unsäglich schmerzlich aber ist der Verlust unserer Obstbäume.
Ein entsetzliches, ganz herzzerreißendes Bild davon gibt die hochgelegene Straße nach Weinsbach. Die herrliche Allee mächtiger Birn= und Apfelbäume ist zerfetzt und
zerrissen. Reihenweise liegen die viele Jahrzehnte alten 160 Riesenstämme, rechts und links die Felder dicht bedeckend. Es ist zum Weinen, diese furchtbare Zerstörung
des Fleißes eines Jahrhunderts vor Augen zu haben."
Am Nachmittag des 2.Juli führten Bierbrauer aus der Ledergasse in Öhringen sechzig Wagen Schlossen, die zu Eis zusammengefroren waren, weg in ihre Eiskeller,
darunter Stücke, die trotz der großen Hitze noch Pfirsichgröße hatten. Ja 17 Tage später fand man zwischen nahe beisammen stehenden Häuern noch Eisklumpen.
Gegen 40 Gemeinden unseres Oberamts waren betroffen und auf der 83 Kilometer langen Strecke durch Württemberg lagen 91 Gemeinden mit 53000 Hektar beschädigter
Felder. Der Schaden betrug bei uns gegen 3 Millionen Mark, was umso betrübender war, als die wenigsten ihren Besitz gegen Hagel versichert hatten. Bei gar vielen
Landleuten hatte eben der Glaube Fuß gefaßt, daß es hier überhaupt nicht hagle, weil dies seit Menschengedenken nie der Fall gewesen war. Doch von allen Seiten, vom In=
und Ausland, wurden Sammlungen für die Notleidenden veranstaltet. Saatgut und Setzlinge, Ziegel, Bäume und Bargeld in großer Menge halfen die Wunden heilen.

Quellen:

http://www.heinle-web.de/gescho10.htm
"Öhringer Heimatbuch" von Wilhelm Mattes










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