Wetterchronik 1842

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8. Juli

Totale Sonnenfinsternis in Österreich eingetragen von Mark am 8. Oktober 2001

Diese Sonnenfinsternis ist durch die Beschreibung von Adalbert Stifter, der die Finsternis in Wien beobachtete, besonders bekannt geworden.

Auszug:

.... Endlich zur vorausgesagten Minute - gleichsam wie von einem unsichtbaren Engel empfing die Sonne den
sanften Todeskuß - ein feiner Streifen ihres Lichtes wich vor dem Hauche dieses Kusses zurück, der andere
Rand wallte in dem Glase des Sternen- rohres zart und golden fort - "es kommt", riefen nun auch die, welche
bloß mit dampfenden Gläsern, aber sonst mit freien Augen hinaufschauten - "es kommt" - und mit Spannung
blickte nun alles auf den Fortgang.
Die erste seltsame, fremde Empfindung rieselte nun durch die Herzen, es war die, daß draußen in der
Entfernung von Tausenden und Millionen Meilen, wohin nie ein Mensch gedrungen, an Körpern, deren Wesen
nie ein Mensch erkannte, nun auf einmal etwas zur selben Sekunde geschehe, auf die es schon längst der
Mensch auf Erden festgesetzt. Indes nun alle schauten, und man bald dieses, bald jenes Rohr rückte und stellte
und sich auf dies und jenes aufmerksam machte, wuchs das unsichtbare Dunkel immer mehr und mehr in das
schöne Licht der Sonne ein - alle harrten, die Spannung stieg.
Aber so gewaltig ist die Fülle dieses Lichtmeeres, das von dem Sonnenkörper niederregnet, daß man auf
Erden keinen Mangel fühlte, die Wolken glänzten fort, das Band des Wassers schimmerte, die Vögel flogen
und kreuzten lustig über den Dächern, die Stephanstürme warfen ruhig ihre Schatten gegen das funkelnde
Dach, über die Brücke wimmelte das Fahren und Reiten wie sonst, sie ahnten nicht, daß indessen oben der
Balsam des Lebens, das Licht, heimlich wegsieche.
Dennoch, draußen an dem Kahlengebirge und jenseits des Schlosses Belvedere war es schon, als schliche
Finsternis oder vielmehr ein bleigraues Licht wie ein böses Tier heran, aber es konnte auch Täuschung sein;
auf unserer Warte war es lieb und hell, und Wangen und Angesichter der Nahestehenden waren klar und
freundlich wie immer.


Seltsam war es, daß dies unheimliche, klumpenhafte, tiefschwarze
vorrückende Ding, das langsam die Sonne wegfraß, unser Mond sein sollte, der
schöne, sanfte Mond, der sonst die Nächte so florig silbern beglänzte; aber
doch war er es, und im Sternenrohr erschienen auch seine Ränder mit Zacken
und Wulsten besetzt, den furchtbaren Bergen, die sich auf dem uns so
freundlich lächelnden Runde türmen.
Endlich wurden auch auf Erden die Wirkungen sichtbar und immer mehr, je
schmäler die am Himmel glühende Sichel wurde. Der Fluß schimmerte nicht
mehr, sondern war ein taftgraues Band, matte Schatten lagen umher, die
Schwalben wurden unruhig, der schöne, sanfte Glanz des Himmels erlosch, als
liefe er von einem Hauche matt an, ein kühles Lüftchen hob sich und stieß
gegen uns, über den Auen starrte ein unbeschreiblich seltsames, aber
bleischweres Licht, über den Wäldern war mit dem Lichterspiele die
Beweglichkeit verschwunden, und Ruhe lag auf ihnen, aber nicht die des
Schlummers, sondern die der Ohnmacht und immer fahler goß sich's über die
Landschaft, und diese wurde immer starrer.
Die Schatten unserer Gestalten legten sich leer und inhaltslos gegen das
Gemäuer, die Gesichter wurden aschgrau. Erschütternd war dies allmähliche
Sterben mitten in der noch vor wenigen Minuten herrschenden Frische des
Morgens.


Wir hatten uns das Eindämmern wie etwa ein Abendwerden vorgestellt, nur
ohne Abendröte; wie geisterhaft aber ein Abendwerden ohne Abendröte sei,
hatten wir uns nicht vorgestellt, aber auch außerdem war dies Dämmern ein
ganz anderes, es war ein lastend unheimliches Entfremden unserer Natur.
Gegen Südost lag eine fremde gelbrote Finsternis, und die Berge und selbst
das Belvedere wurden von ihr eingetrunken. Die Stadt sank zu unseren Füßen
immer tiefer wie ein wesenloses Schattenspiel hinab, das Fahren und Gehen
und Reiten über die Brücke geschah, als sähe man es in einem schwarzen
Spiegel - die Spannung stieg aufs höchste. Einen Blick tat ich noch in das
Sternrohr, er war der letzte; so schmal, wie mit der Schneide eines
Federmessers in das Dunkel geritzt, stand nur mehr die glühende Sichel da,
jeden Augenblick zum Erlöschen, und wie ich das freie Auge hob, sah ich auch,
daß bereits alle andern die Sonnengläser weggetan und bloßen Auges
hinaufschauten - sie hatten auch keines mehr nötig.
Denn nicht anders als wie der letzte Funke eines erlöschenden Dochtes
schmolz eben auch der letzte Sonnenfunken weg, wahrscheinlich durch die
Schlucht zwischen zwei Mondbergen zurück - es war ein ordentlich trauriger
Augenblick - deckend stand nun Scheibe auf Scheibe -, und dieser Moment war
es eigentlich, der wahrhaft herzzermalmend wirkte.

Das hatte keiner geahnt.
Ein einstimmiges "Ah" aus aller Munde, und dann Totenstille, es war der Moment, da Gott redete und die
Menschen horchten. Hatte uns früher das allmähliche Erblassen und Einschwinden der Natur gedrückt und
verödet und hatten wir uns das nur fortgehend in einer Art Tod schwindend gedacht: so wurden wir nun plötzlich
aufgeschreckt und emporgerissen durch die furchtbare Kraft und Gewalt der Bewegung, die da auf einmal
durch den ganzen Himmel lag; Horizontwolken, die wir früher gefürchtet, halfen das Phänomen erst recht bauen,
sie standen nun wie Riesen auf, von ihrem Scheitel rann ein fürchterliches Rot, und in tiefem, kaltem, schwerem
Blau wölbten sie sich unter und drückten den Horizont. Nebelbänke, die schon lange am äußersten Erdsaume
gequollen und bloß mißfärbig gewesen waren, machten sich nun geltend und schauderten in einem zarten,
furchtbaren Glanze, der sie überlief. Farben, die nie ein Auge gesehen, schweiften durch den Himmel. Der
Mond stand mitten in der Sonne, aber nicht mehr als schwarze Scheibe, sondern gleichsam halb transparent
wie mit einem leichten Stahlschimmer überlaufen, rings um ihn kein Sonnenrand, sondern ein wundervoller,
schöner Kreis von Schimmer, bläulich, rötlich, in Strahlen auseinanderbrechend, nicht anders, als gösse die
oben stehende Sonne ihre Lichtflut auf die Mondeskugel nieder, daß es rings auseinanderspritzte. Das
Holdeste, was ich je an Lichtwirkung sah! Draußen, weit über das Marchfeld hin, lag schief eine lange, spitze
Lichtpyramide gräßlich gelb, in Schwefelfarbe flammend und unnatürlich blau gesäumt; es war die jenseits des
Schattens beleuchtete Atmosphäre, aber nie schien ein Licht so wenig irdisch und so furchtbar, und von ihm
floß das aus, mittelst dessen wir sahen. Das Phantom der Stephanskirche hing in der Luft, die andere Stadt
war ein Schatten, alles rasseln hatte aufgehört, .... jedes Auge schaute zum Himmel ... nie, nie werde ich jene
zwei Minuten vergessen - es war die Ohnmacht eines riesenhaften Körpers, unserer Erde. - .....
Aber wie alles in der Schöpfung sein rechtes Maß hat, so auch diese Erscheinung ... Gerade da die Menschen
anfingen, ihren Empfindungen Wort zu geben ... gerade in diesen Momente hörte es auf: mit eins war die
Jenseitswelt verschwunden und die hiesige wieder da, ein einziger Lichttropfen quoll am oberen Rande wie ein
weißschmelzendes Metall hervor, und wir hatten unsere Welt wieder ... die Dinge warfen wieder Schatten, das
Wasser glänzte, die Bäume waren grün, wir sahen uns in die Augen - siegreich kam Strahl an Strahl .... das
Fahren und Lärmen begann wieder, selbst die Tiere empfanden es; die Pferde wieherten und die Sperlinge auf
dem Dache begannen ein Freudengeschrei, so grell und närrisch, wie sie es gewöhnlich tun, wenn sie sehr
aufgeregt sind, und die Schwalben schossen blitzend und kreuzend , hinauf, hinab in der Luft umher ....

Quellen:

http://www.astro.univie.ac.at/~sofi99/text1.htm









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