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14.06.05: Analyse des Ulmer Tornado-Verdachtsfalls

Geschrieben von: Wetterfuchs
Datum: 21. Juni 2005, 09:26 Uhr


Im Rahmen der markanten Gewitterlage vom 14.06.05 entwickelten sich im Süden und Osten Deutschlands Gewitterzellen und Gewittercluster sehr unterschiedlicher Intensität. Eine der bei Thomas Sävert eingegangenen Meldungen des Tages lautete, daß gegen 21.30 MESZ (19.30 UTC) östlich von Ulm dabei ein schwacher aufgetreten sein soll. Um dieser Aussage auf ihre Realität hin nachzugehen, soll in diesem Posting versucht werden, den Fall mit Hilfe der vorliegenden meteorologischen Daten aufzurollen.

SYNOPTK :

Synoptisch befand sich Mitteleuropa am Nachmittag des 14.06.05 an der druckgradientschwachen Südostflanke eines Tiefs nordwestlich der Britischen Inseln :

Boden-Analyse 14.06.05 15 UTC (DWD) :

Die leicht wellende Front des Tiefs erstreckte sich nordost-südwestwärts quer über Deutschland, so daß der Bereich Süddeutschland noch fast ganz im vorderseitigen Warmluftbereich lag. Wie die nachfolgende Analyse 500 hPa zeigt, herrschte vorderseitig eines wenig ausgeprägten Höhentroges über Frankreich in der Höhe eine nur mäßige südwestliche Strömung :

GME-Analyse 500 hPa 14.06.05 12 UTC :

Die Aussagen der mittäglichen Radiosondenaufstiege entsprachen der geschilderten Lage, hier dargestellt mit dem Aufstieg von Sigmaringen (obere Donau) :

Radiosondenaufstieg Sigmaringen 14.06.05 12 UTC :

Die Schichtung war im Bereich Alb/Donau mäßig labil mit relativ kleiner Konvektionsfläche, eine rein thermische Auslösung hätte eine bodennahe Temperatur von rund 24°C verlangt. Mit einer Auslösung war aber Konvektion bis in die hohe Troposphäre hinein möglich. Das vertikale Windprofil zeigte oberhalb eines schwachen, überwiegend südöstlichen Windes eine hauptsächlich südwestliche Höhenströmung ohne stärkere Windscherung. Temperaturschichtung und Windprofil sprachen sprachen somit eigentlich nicht für eine Tornadolage.

REGIONALE ENTWICKLUNG AB 16 UTC :

Die Wettersituation im Süden Deutschlands um 16 UTC spiegelte gut die frontale und präfrontale Lage wider :

Radarkomposit (DWD, Java-MAP) + Synops 14.06.05 16 UTC :

Das Radarkomposit mit eingeblendeten Synopdaten zeigte das querliegende Echoband der Front und präfrontal im alpennahen Bereich Südbayerns sowie im Grenzraum zu Tschechien einzelne größere Gewittercluster. Der Luftmassengegensatz beiderseits der Front wurde weniger durch die Temperaturen als durch die unterschiedlichen Taupunkte sichtbar :

Radarkomposit (DWD, Java-MAP) + Temperaturen/Taupunkte 14.06.05 16 UTC :

Südostlich der Front gab es Taupunkte von 12 bis 16 Grad, nordwestlich der Front nur 5 bis 10 Grad.

In den folgenden 2 Stunden intensivierten sich die präfrontalen Gewittercluster und breiteten sich aus. Für den Raum Ulm war dabei die Entwicklung wichtig, die sich vom Hochrhein aus nordostwärts vorschob :

Ausschnitt Radarkomposit (DWD, Java-MAP) + Synops 14.06.05 18 UTC :

Der nördlichste Teil der Cluster-Bildung überdeckte um 18 UTC den mittleren Bereich der Schwäbischen Alb mit einem „roten“ Kern (>= 46 dBZ) westlich von Ulm. Die DWD-Station Ulm meldete um diese Zeit bodennah gleichzeitig einen schwache Nordwestwind bei einer Temperatur von 18 Grad. Verglichen mit der Mittags-Aussage der Radiosonde von Sigmaringen bedeutete diese und die Temperatur der anderen Stationen, daß die existierende hochreichende Konvektion im wesentlichen dynamisch ausgelöst worden sein mußte.

Verfolgt man den Cluster westlich von Ulm zeitlich zurück, so sieht man, daß der Ursprung der dortigen Entwicklung im Bereich der West-Alb gelegen hatte. Die Verlagerungsrichtung des Clusters war im wesentlich Südwest-Nordost. Im Satellitenbild waren deutlich 2 Konvektionszentren unterscheidbar, einerseits ein größerer Clusterbereich über dem westlichen Südbayerns, andererseits der noch jüngere und kleinere Cluster über der Zentral-Alb :

IR-Satellitenbild (Meteosat, DWD) 14.06.05 18 UTC :

Bis zum Termin der Tornado-Meldung blieben zu diesem Zeitpunkt von 18 UTC noch rund 1 ½ Stunden. Es zeichnete sich ab, daß die mögliche Tornado-Entwicklung östlich von Ulm im Zusammenhang mit dem geschilderten Cluster über der Alb stehen mußte. Diese Annahme bestätigte sich voll, wobei allerdings nicht der Cluster selbst die Tornado-Auslösung brachte, sondern eine kurzfristige neue Zell-Entwicklung an der Südostflanke des Clusters über dem Donautal. Die zeitlich aufgelöste Darstellung des Vorgangs soll zunächst mit den Java-MAP-Radarkomposits und dann ergänzend mit den lokalen Radarbildern der DWD-Radar-Station Türkheim (Schwäbische Alb) nachvollzogen werden, beginnend mit Situation von 18.30 UTC:

Ausschnitt Radarkomposit (DWD, Java-MAP) 14.06.05 18.30 UTC :

Der Cluster über der Schwäbischen Alb hatte sich in der halben Stunde seit 18 UTC leicht ostnordostwärts verlagert und zeigte jetzt - südwärts über die Donau hinwegweisend – schon einen südlichen Anbau. (grüner Kernbereich). Dieser südliche Anbau intensivierte sich bis 19 UTC bis zur teilweise „roten“ Intensität. Dabei verlagerte sich der neue Gewitterkern direkt Richtung Osten nach Ulm bzw. Neu-Ulm (vgl. Synop-Meldung Ulm : schwacher NW-Wind, 16°C, keine Wetterangabe) :

Ausschnitt Radarkomposit (DWD, Java-MAP) + Synops 14.06.05 19 UTC :

Jetzt um 19 UTC war die Position des neuen Kerns an der Südostflanke des Alb-Clusters deutlich zu erkennen. Die relativ feuchte vorderseitige Warmluft und der fallende Regen produzierten zur gleichen Zeit recht geringe Taupunktsdifferenzen, was die Bildung eines möglichen Tornado-Funnels unterstützte :

Ausschnitt Radarkomposit (DWD, Java-MAP) + Temperatur/Taupunkt 14.06.05 19 UTC :

Die weitere Entwicklung innerhalb der nächsten 3/4Stunde bis 19.45 UTC zeigte besonders um 19.15 UTC einen klaren, eng begrenzen Gewitter-Kern in „Rot“ (>= 46 dBZ) :

Ausschnitt Radarkomposit (DWD, Java-MAP) + Synops 14.06.05 19.15 UTC :

Ausschnitt Radarkomposit (DWD, Java-MAP) + Synops 14.06.05 19.30 UTC :

Ausschnitt Radarkomposit (DWD, Java-MAP) + Synops 14.06.05 19.45 UTC :

In dieser Zeit hatte sich der konvektive Kern in das Gebiet östlich von Ulm verlagert, also in den Raum, von wo gleichzeitig die Tornado-Meldung kam. Dabei paßte, daß jetzt auch die Phase der stärksten Entwicklung der Zelle beobachtet werden konnte. Daß die Gewitterzelle auch danach zunächst noch kräftig und eigenständig blieb, zeigt das folgende Radarkomposit mit synoptischen Daten von 20 UTC :

Ausschnitt Radarkomposit (DWD, Java-MAP) + Synops 14.06.05 20.00 UTC :

Die Gewitterzelle hatte noch weiter an Umfang zugenommen. Sie war nun aber ganz inkorporiert in einen gesamten mesoskaligen Cluster, der weite Teile Südbayerns abdeckte.

Von besonderem Interesse bei der meteorologischen Analyse waren neben den Radarkomposits die Aussagen der relativ nahe gelegenen Radarstation Türkheim. Türkheim befindet sich auf der Schwäbischen Alb südwestlich von Geislingen/Steige. Die Enfernung von dort zur Position östlich von Ulm betrug ungefähr 40 km Luftlinie. Somit bestand die gute Chance, auch die innere Struktur des möglichen Tornado-Gewitters zu durchleuchten, auch wenn dabei wegen der 200 m höheren Lage der Radarstation gegenüber dem Donautal der allerunterste Fuß der Konvektion im Donautal nicht erfaßt werden konnte. Für den in Frage kommenden Zeitpunkt konnte auch auf die Basis-Radabilder von Türkheim, nicht aber auf die Doppler-Wind-Darstellungen zurückgreifen. Die verfügbaren Doppler-Aussagen der Radarstationen München und Feldberg/Schwarzwald konnten aufgrund zu großer Entfernung die Entwicklung nicht abdecken. Nachfolgend werden für die Echo-Details die Basis-Radarbilder von Türkheim im 1/2 h- bzw. 1 1/4 h-Abstand zwischen 18.43 UTC und 19.43 UTC gezeigt :

Basis-Radarbild („PL“) Türkheim 14.06.05 18.43 UTC :

Basis-Radarbild („PL“) Türkheim 14.06.05 19.13 UTC :

Basis-Radarbild („PL“) Türkheim 14.06.05 19.25 UTC :

Basis-Radarbild („PL“) Türkheim 14.06.05 19.43 UTC :

Bei der Betrachtung der 4 Radarbilder interessiert einerseits die untere horizontale Struktur, andererseits die Vertikalstrukur in der Ost-West- und Süd-Nord-Projektion. Das erste Radarbild (18.43 UTC) gibt den Moment wieder, als sich nahe der Illermündung in die Donau die eigenständige Struktur der neuen Zelle an der Südostflanke des Alb-Clusters erstmals sichtbar wurde. Auf- und Seitenriß machen deutlich, daß es sich um keinen schnell hochschießenden „Hot-Tower“ handelte, sondern im wesentlichen um eine normal gewittrige („rote“) Kernstruktur der unteren 2 km. Zwar wurde die Zelle, wie schon im Komposit sichtbar, dann bis 19.43 UTC zunehmend stärker und markanter, aber die Vertikalerstreckung der Zelle beschränkte sich auch jetzt (zum Zeitpunkt der Tornado-Meldung) im wesneltichen auf die untersten 4-6 km. Die Form im Grundriß gab keine Anzeichen für eine Kommastruktur, so daß von dieser Seite her kein Nachweis einer Mesozyklone existierte. Im letzten Radarbild (19.43 UTC) war eine Art „Splitting“ zu erkennen.

RESUME‘

Die Untersuchung der meteorologischen Entwicklung und Strukturen zeigte unter dem Strich folgende Ergebnisse :

1. Die Ausgangslage war synoptisch nicht besonders typisch für eine Tornadolage, schloß diese aber auch nicht grundsätzlich aus.
2. Zum Zeitpunkt der Tornado-Meldung entwickelte sich im in Frage kommenden Tornado-Gebiet von Ulm eine neue Gewitter-Zelle am Südostrand eines prä-existierenden Gewitter-Clusters. Diese Zelle wanderte dabei ostwärts.
3. Die Detail-Horizontalstruktur der Radarreflektivität gab keine direkten Hinweise auf eine Mesozyklone.
4. In der Vertikalen erstreckte sich die Eigenständigkeit der Zelle nur bis etwa 4 km, maximal 4-6 km, was auf einen wahrscheinlich höchstens kurzzeitigen Tornado hinweist.
5. Die Frage einer Superzelle war nicht eindeutig klärbar.

Wetterfuchs

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