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Ausführliche Winteranalyse 1962/63 (vom 25.09.02)

Geschrieben von: Sandro (Weiden i. d. OPf.; 402m; 49,7° N; 12,2° O)
Datum: 3. Oktober 2002, 11:12 Uhr


Das Tagebuch eines Winters, wie wir ihn wohl alle mal gerne hätten, habe ich hier geschrieben:

Vorgeschichte

Ende September 1962 wird Deutschland von Süden her geflutet, Grönland- und Russlandhoch sind vorhanden.

Mitte Oktober (15.) lassen ein Englandhoch (unabhängig vom Grönlandhoch) und ein starkes Skanditief die Strömung auf NNW drehen, Deutschland kommt nahe an die -5 Grad in 850 hPa.

Ende Oktober (31.) sieht alles wieder (fast) ganz anders aus: Nordmeertief und sehr starkes Russlandhoch lassen eine Südwestströmung entstehen. Grönlandhoch stark (1030 hPa), Azorenhoch und Sizilientief vorhanden.

Am 10. November hat ein 1030-hPa-Skandinavienhoch das Sagen, Grönlandhoch weiterhin stark:

Am 15. November werden in Nordostgrönland in 850 hPa -30 Grad erreicht, das Grönlandhoch ist 1050 hPa stark, am 18. November sogar 1060 hPa, eine riesige Blockadesituation stellt sich ein.

Verwunderlich: Innerhalb eines Tages (19.11.) ist das Grönlandhoch wie weggeblasen (+5 Grad), am 20.11. ist der Druck unter 1000 hPa gefallen.

Doch das Hoch regeneriert sich schnell, am 23. misst man wieder 1040 hPa und -30 Grad (alles 850 hPa). Am 25. macht es jedoch wieder schlapp, 975 hPa werden gemessen - am 27. aber wieder sage und schreibe 1050 hPa. Derweil hat in Skandinavien die Westdrift Einzug gehalten, ein 975-hPa-Tief nördlich vom Nordkap treibt sein Unwesen. Das Hoch über England, das schon längere Zeit vorhanden ist, verkeilt sich vorübergehend mit dem Grönlandhoch, trennt sich aber dann wieder von ihm.

Dezember 1962

Am 1. Dezember liegt das ehemalige Englandhoch über der Nordsee und führt Skandinavienluft nach Deutschland, -5 Grad in 850 hPa. Das Grönlandhoch hat einen Kerndruck von 1045 hPa.

Der Deckel ist, was uns irgendwie bekannt vorkommt, sehr hartnäckig und kurbelt die Westdrift derart an, dass am 09. Dezember eine Muster-SW-Lage zustande kommt:

Das Grönlandhoch hält sich bis zum 12. Dezember relativ stabil, wird dann jedoch von den heranrückenden Tiefs aus Kanada vertrieben.

Es kommt, was kommen muss: Das Grönlandhoch wird instabil und über Deutschland blasen warme Süd- und Westwinde. Der Ansatz eines Skandihochs am 20.12. wird schnell zunichte gemacht, da es nach Osten abwandert und die Südströmung am 21. weiter ankurbelt. Trotzdem bleibt es beachtlich kalt - um -5 Grad in 850 hPa.

Am 22. die Rettung für Weihnachten: Wie aus dem Nichts verkeilt sich das Azorenhoch nordwestlich von Deutschland mit einem neu entstandenen Skandinavienhoch und leitet die Westdrift im Nordwesten vorbei - der Zugriff auf die kalte Russlandluft wird freigegeben.

Am 23. bildet das Hoch ein Zentrum über Dänemark und verstärkt sich:

Die 850-hPa-Temperaturen sind erstaunlich kalt:

Am heiligen Abend setzt sich der Trend fort, ein 1050-hPa-Hoch bringt Süddeutschland -15 Grad in 850 hPa.

Pünktlich zum heiligen Abend bildet sich das Grönlandhoch neu, aber wie: 1040 hPa aus dem Nichts.

Jetzt kommts: Der Deckel stärkt nicht die Westdrift, sondern schwächt sich ab und zieht sich nach Westen zurück und verkeilt sich mit dem Grönlandhoch (inzwischen 1055 hPa).

Passend dazu hat sich über Nordsibirien ein 980-hPa-Tief gebildet - die Polarluft bricht aus.

Scheinbar bricht sie aus! Denn das Hoch schwächt sich ab und bildet einen Keil Richtung Osten - die Kaltluft wird blockiert.

Zu Silvester gelingt ihr aber dann doch um das Grönland-Skandinavienhoch östlich herum der Outbreak - immerhin -10 Grad/850 hPa in Nordostdeutschland.

Januar

An Neujahr herrscht ein sehr interessante Konstellation vor:

Die Kälte wandert jetzt von Osten her zu uns, erwärmt sich aber wegen des langen Weges zwischenzeitlich sehr stark, weniger als -10 Grad/850 hPa im Nordosten Deutschlands sind nicht drin.

Am 3. Januar wird ein Biskayatief wetterwirksam: Es bringt die Mittelmeerluft, die schon lange darauf wartet, nach Norden - zum ersten Mal wieder weit über 0 Grad/850 hPa in Deutschland sind die Folge.

Doch das Grönlandhoch hält sich wacker gegen die drohende Süd/Westdrift in Nordwesteuropa und konzentriert sich am 5. Januar auf 1050 hPa in Südgrönland.

Am 07. schickt es den erhofften Keil Richtung Südosten - mit einem Nordnorwegentief wird die Polarluft wieder angezapft und bringt die -10-Linie wieder nach Deutschland.

Der Trend setzt sich fort - bis zum 12. Januar sind die -15 Grad wieder im Lande:

Am 15. Januar ist Deutschland voll im Griff der Kaltluft, bis aufs Rheinland werden die -15 Grad überall unterschritten.

Doch das Grönlandhoch gerät in Bedrängnis: Am 16. ist bis auf einen kleinen Rest im Süden nichts mehr vorhanden, Tiefs übernehmen das Regiment. Dieser kleine Rest setzt sich aber erneut durch und verstärkt sich bis zum 18. Januar auf 1050 hPa.

Hinter einem 1040-hPa-England- und einem 1040-hPa-Sibirienhoch tritt zwar weiter Kaltluft aus, geht aber vor allem nach Osteuropa.

Am 19. Januar schickt das 1060-hPa-Grönlandhoch zwar einen gut gemeinten Keil Richtung Mitteleuropa - da der aber etwas falsch liegt, wird nicht Russland-, sondern Griechenlandluft angezapft - verhältnismäßig warme -5 Grad sind die Folge.

Bis zum 22. Januar kommt die Kälte aber mit dieser Konstellation wieder:

-20 Grad/850 hPa in Wien kommen hinten raus.

Am 24. Januar gibt es kein Grönlandhoch mehr, in Nordkanada misst man in 850 hPa -40 Grad, die Folgen dürften klar sein, Tiefdruck ohne Ende.

Das Grönlandhoch bäumt sich mehrmals wieder auf, am 29. Januar sind es wieder 1060 hPa.

Derweil konserviert ein Nordmeerhoch die Kälte in Deutschland.

Der 30. Januar: Ein Mustertag: Das Grönlandhoch schickt die 1040 hPa bis auf die Breite von Nordschottland herunter, Tiefs haben keine Chance.

Über Italien hat sich ein Höhentief gebildet, die Temperatur in 850 hPa in Süddtl. beträgt -15 Grad.

DA möchte ich jetzt lieber die Niederschlagskarten haben!

Das war nur der Anfang - hier die Karte vom...

Februar

...2. Februar:

Das Hoch bei Grönland macht NOCH nicht schlapp.

04. Februar 1963 bei -15 Grad:

Ohne Worte...

Am 05. Februar war das Ende des kalten Winters in dieser extremen Form besigelt:

Der Verband dieser beiden Tiefs schwächte das Grönlandhoch und öffnete der Kaltluft bei Kanada den Weg auf den Atlantik.

Bis zum 08.02. das jähe Ende:

Im Rheinland 0 Grad in 850 hPa.

Unser gutes altes Grönlandhoch versuchte es weiter, doch über mehr als 1030 hPa kam es nicht mehr hinaus.

Am 19. Februar sein letzter Versuch, der nochmal -10 Grad brachte.

Mit einem Deckel ging der Monat schließlich zu Ende.

Fazit: Je stärker das Grönlandhoch, desto leichter hatte es die Kaltluft (auch über Umwege) nach Süden.

Bei SWR4 habe ich die folgende Information gefunden: "(...) So fror 1962/63 der Rhein zu, und der damalige Rosenmontagsumzug fand z.B. in Mainz inmitten strengster Fröste und riesiger Schneemengen statt. (...)"

Die Rhein-Zeitung schreibt: "Für den gesamten, strengen Winter 1962/63 registrierten die Meteorologen in NRW 26 "Eistage", also Tage, an denen auch tagsüber das Thermometer unter Null bleibt."

Die Weilerswister Feuerwehr berichtet über das einsetzende Tauwetter Anfang März: "Im Winter 1962/63 zog eine "sibirische Kälte" über unser Land. Auch Lommersum und Umgebung wurden hiervon nicht verschont. Nachdem der Boden ungewöhnlich tief gefroren war, fing es an, unentwegt zu schneien. Dies war Ende Februar/Anfang März 1963. Man fürchtete sich nun vor dem Wetterumschwung; denn bei plötzlich eintretendem Tauwetter konnte das Wasser nicht in den Boden eindringen. Alle Befürchtungen wurden jedoch in den Schatten gestellt, als am 5./6. März 1963 das Tauwetter einsetzte. Man hatte nicht damit gerechnet, daß die Wassermassen von den Feldern um Dürscheven, Elsig und Frauenberg fast ausnahmslos in Richtung Lommersum strömten. Das Wasser staute sich an der Brüsseler Straße im Rösselsgraben (Rückseite vom Friedhof). Die Brüsseler Strasse wurde unversehens zum einem Staudamm. Als sich die Katastrophe anbahnte, sollten die Anwohner von vermutlich besonders gefährdeten Stellen noch von der Wehr gewarnt werden; es sollte noch versucht werden, dort das Nötigste in Sicherheit zu bringen. Während dieser Aktion wurde die Wehr auf der Limburger Straße genauso überrascht wie die Anwohner. Durch die Wassermassen im Rösselsgraben, der zu dieser Zeit schon auf der Limburger Straße kanalisiert war, wurden einige Kanaldeckel wie leere Streichholzschachteln bis zu ca. einem Meter hoch in die Luft geschleudert. Die Ereignisse überschlugen sich. Das Wasser am "Damm" setzte schließlich über. In kürzester Zeit war die Limburger Straße in einen reißenden Fluß verwandelt worden. Keller und Wohnungen wurden, ohne daß man etwas unternehmen konnte, von den Wassermassen überflutet. Das Wasser suchte sich den Weg von der Limburger Straße über die Niederberger Straße hinunter zur Brabanter Straße und zum Schweinemarkt.

In dieser Zeit waren im Lommersumer Raum alle Wehrmänner der Freiwilligen Feuerwehr Lommersum und der Freiwilligen Feuerwehr Derkum-Hausweiler fast ununterbrochen über 48 Stunden im Einsatz."

Ein Winter, der vieles in den Schatten stellte.

Gruß

Sandro


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