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KLIMA: Unbequeme Wahrheit

Geschrieben von: Karl Heinz Braun
Datum: 1. Mai 2007, 16:42 Uhr


Hallo,

nach relativ langer Pause möchte ich mich wieder 'mal zu Wort melden. Die heiße Diskussion am Sonntag abend nach der RTL-Sendung beschäftigte mich doch ziemlich stark und ich beabsichtige mit meinem Beitrag keine weitere Anheizung, sondern eine Versachlichung im Sinne eines local cooling.

Ich möchte die "Klimafrage" in einen globalen Kontext einordnen, in den sie gehört und in dem sie dann auch diskutiert werden muss.

Ich möchte aber auch nicht bis Adam und Eva zurückgehen, sondern nur bis etwa zum Jahre 1970. In dieser Zeit endete die Aufbauphase nach dem 2.Weltkrieg, man hatte sich an hohe wirtschaftliche Wachstumsraten gewöhnt, der Wohlstand nahm zu, man begann aber nun auch die Schattenseiten zu sehen, die verschmutzten Gewässer, die dreckige Luft (Smog) - und man hatte durch die Mini - Wirtschaftskrise von 1966 gesehen, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen.

In allen gesellschaftlichen Bereichen kamen nun Fragestellungen, wie es nun weitergehen sollte. Zwei Beisiele, zuerst ein Buch, das 1970 erschien und ziemlich Aufsehen erregte,von Margaret Mead, Anthropologin: "Wir stehen vor einer Periode, in der die Gesellschaft Entscheidungen in globalem Rahmen treffen muss. Was wir von Wissenschaftlern brauchen, sind plausible, möglichst widerspruchsfreie Abschätzungen, die Politiker nutzen können, ein System künstlicher, aber wirkungsvoller Warnungen aufzubauen, Warnungen, die den Instinkt ansprechen, die vor dem Hurrikan fliehen lassen. Es geht darum, dass die notwendige Fähigkeit, Opfer zu bringen, stimuliert wird. Es ist deshalb wichtig, unsere Aufmerksamkeit auf die Betonung großer möglicher Gefahren für die Menschheit zu konzentrieren."

Das 2. Beispiel sind die Aussagen des "Club of Rome", einem Gesprächskreis von Wissenschaftlern, Intellektuellen, Wirtschaftlern, Politikern (1972). Er warnte vor den "Grenzen des Wachstums", betonte die Endlichkeit der Ressoursen und forderte zu sparsamem Umgang mit denselben auf, legte Wert auf die Erhaltung der Umwelt.

In allen westlichen Ländern bildeten sich nun Umweltschutzgruppen, die sich für diese Ziele einsetzten, auch weil sie den "etablierten" Parteien nicht zutrauten, diesen Aufgaben lösen zu können. Trotz vieler Unterschiede gab es eine Klammer, dies war die klare Ablehnung der Atomkraft (Anti - Atom - Bewegung). Galt in den 60iger Jahren die Atomkraft als die große Hoffnung für die Zukunft (sichere, saubere, unbegrenzt vorhanden Energie), so wurde der Widerstand in den 70iger Jahren weltweit rasch größer (in Deutschland Whyl, Brokdorf, Gorleben), Störungen, Unfälle taten ein übriges. CO2 als Klimakiller war zu dieser Zeit kein Them, zumal sich die Welt in einer Abkühlungsphase befand und die Klimawissenschaft eine heraufziehende Eiszeit befürchtete.

Insbesondere bedingt durch die Ölkrise 1973 setzte aber eine verstärkte Suche nach anderen Energiequellen ein, auf jeden Fall weg vom Öl.

Das Bild änderte sich nun Ende der 70iger Jahre. In England wurde 1979 Mrs Thatcher Premierministerin. Sie war mit einem "marktradikalen" Programm angetreten und versprach dieses ohne Rücksicht durchzuziehen, dazu gehörte die Schließung der (unrentablen) Kohlegruben und die verstärkte Nutzung der Kernenergie (trotz des Widerstandes in der Bevölkerung). 1973 war ihr konservativer Vorgänger Ted Heath an den Gewerkschaften gescheitert, sie wollte es besser machen als dieser "Waschlappen", wie sie sich ausdrückte.

Nach dem gewonnenen Falkland-Krieg gegen Argentinien 1982 fühlte sie sich jetzt stark genug, um die entscheidende Auseinandersetzung mit der mächtigen Bergarbeitergewekschaft (und deren legendären Führer Scargill, KP) zu suchen. Die Bergleute streikten 1 Jahr, erhielten Unterstützung aus der ganzen Welt, auch von den deutschen Gewerkschaften (auch von mir). Nach 1 Jahr war die Schlacht verloren (die englischen Gewerkschaften erholten sich von diesem Schlag nie mehr), Thatcher musste alle Register ziehen, um zu bestehen, an der ideologischen Front (zum ersten Mal), argumentierte sie mit dem CO2, das bei Kohleverbrennung entstünde und das zur Klimakatastrophe führe - während Kernkraft sicher und sauber sei. Zumal es in den 80iger Jahren global wieder wärmer wurde, wurde dieses Argument immerhin angehört.

Dieser Sieg Thatchers und der Atomindustrie ermutigte nun letztere, in die Offensive zu gehen und etwas zur Imageverbesserung zu tun. In Deutschland wurde die Argumentation Thatchers 1986 von der "Deutschen Physikalischen Gesellschaft" - einer Agentur der Atomindustrie - übernommen und in einer Schrift "Warnung vor drohender Klimakatastrophe" der (staunenden) Öffentlichkeit vorgestellt. 1987 legte die DPG der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft ein Papier mit dem Titel "Warnung vor drohenden weltweiten Klimaänderungen durch den Menschen" vor, unterschrieben von beiden Präsidenten, Mitunterzeichner waren die Professoren Schönwiese und Grassl, die dann beide wenige Jahre später zu den weltweit führenden Klimaforschern gehören sollten.

Das Reaktorunglüch von Tschernobyl wäre allerdings beinahe das endgültige Aus für die Atomkraft geworden. Um überhaupt noch etwas zu retten, musste die Atomindustrie jetzt einen schärferen Kurs fahren, man hatte ja nichts mehr zu verlieren.

Es traf sich gut, dass die UNO gerade dabei war ein Gremium einzurichten, das sich der Klimafrage unter Umweltgesichtspunkten annahm. Thatcher (sonst so geizig) griff sofort zu , bot an, die erforderlichen finanziellen Mittel zur Verfügung zu stellen. Um den führenden Einfluss zu bekommen, bot sie außerdem an, das Sekretariat und den technischen Apparat nach GB zu holen. Die UNO stimmte zu.

1988 begann dieses Gremium (IPCC) zu arbeiten. Die Arbeit sollte in Gruppen erledigt werden. Die wichtigste Gruppe war für die "wissenschaftliche Beurteilung" verantwortlich. John Houghton, Hauptgeschäftsfüherer des Met. Amtes, wurde Vorsitzender. Er war vom Sendungsbewusstsein getragen, die Welt vor der drohenden anthropogenen Klimakatastrophe zu retten. Er hatte nun die Möglichkeit seinem "Glauben" einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben. Als Vorsitzender der Arbeitsgruppe übernahm er es, die Forschungsergebnisse zu sichten, zu vergleichen und ihre Bedeutung für die Politik herauszustellen.

Die 2.wichtigste Position bekam Bert Bolin, schwedischer Meteorologe. Er war ein ebenso fanatischer Anhänger der Treibhaustheorie, einer der wenigen, die schon in den 60iger Jahren diese Theorie vertreten hatte und von seinen Kollegen deshalb verächtlich "Mr.Treibhauseffekt" genannt wurde. Er bekam die Aufgabe die Ergebnisse sämtlicher Arbeitskreise zu sichten und zu verwalten.

Thatcher ordnete nun an, das Gremium solle möglichst schnell einen "überzeugenden Bericht" abgeben und damit die Vorhersage ernst genommen werde, müsse die gesamte Wissenschaftsgemeinde der Welt hinter dem Bericht stehen.

1990, also nur 2 Jahre später, war der Bericht fertig und er lieferte die von Thatcher gewünschten Ergebnisse. Er gab ihr nun den Spielraum und die ideologische Waffe, um ihre Atomenergiepläne umzusetzen.

Nun war als nächstes die Frage zu klären,wie können die weltweiten CO2-Emissionen reduziert werden. Auf der Folgekonferenz in Rio 1992 wurde dies dann beraten. Die Verhandlungen waren ziemlich festgefahren und spätestens jetzt war klar, dass man endgültig im Geflecht von nationalen, wirtschaftlichen, politischen Interessen angelangt war und es der Wissenschaft eigentlich über den Kopf gewachsen war. In dieser Situation war die Gemeinschaft froh, dass Dr.Sandor, der Vater des Terminhandels den Vorschlag lancierte, die Probleme mit den Ansätzen des Finanzmarktes zu lösen, also Obergrenzen für Emissionen festzulegen und dem Markt zu überlassen, wo Einsparungen tatsächlich stattfinden, darauf basiert dann auch der Zertifikatshandel.

Es wäre jetzt ein eigenes Thema, die einzelnen Verbindungen, Interessen von Politik,Wirtschaft,Öl,Kohle,Atom,Finanzkapital,Entwicklungsländer, Schwellenländer, Industrieländer aufzudröseln, das macht enorm Spaß, ist aber genauso zeitaufwendig.

Deswegen nur einge Ergebnisse: In Europa entwickelte sich wie in Amerika ein Handel mit Emissionsrechten. Zentrum in Amerika ist die 2003 eröffnete "Chicagoer Klimabörse" (Chicago Climate Exchange, CCX).Sie ist Pilotprojekt einer Londoner Finanzgruppe.

CCX ist auf vielfältige Weise mit der "Intercontinental Exchange"(ICE) in London verbandelt sowie mit der "International Petroleum Exchange"(IPE), größter Futures - und Optionsmarkt für Ölprodukte.

Der Druck der Lobby für den Aufbau des CO2-Handels in den USA nimmt zu, zu den Finanzgruppen gehört auch Al Gores Hedgefond "Generation Investment Management", der 2004 über Goldman-Sachs gegründet wurde. Außerdem der "European Carbon Fund" (ECF), Mitglieder William Reilly, George Bushs Umweltminister, langjähriger Präsident des World Wildlife Fund, Andrew Lundquist, Freund von Dick Cheney, James Woolsey, ex CIA-Direktor. Anscheinend warten in den USA 4 Billionen Dollar, um in das Geschäft einzusteigen (ist aber mit Vorsicht zu genießen, kann Spielmaterial sein).

Die Tochter von CCX ist die "Europäische Klimabörse" (ECX). Zu den 85 Mitgliedern gehören verschiedene amerikanische Finanzgruppen, Ford, bis hin zum Umfeld von Bush, Familie Wygly,(die Bushs Wahlkampf zum großen Teil finanzierte und durch Gelder seinen demokratischen Gegenkandidaten Kerry denunzierte),deren Hedgefond "Maverick Capital". Gründer und Vorsitzender der CCX ist Dr.Sandor. Er sitzt wieder im Vorstand der "Internationalen Londoner Börse" für Handel mit Futures. Große Anteile hat die Goldman - Sachs Holding.

Im Vorstand befinden sich auch Maurice Strong (hatte schon früher spekulative Umweltgeschäfte gemacht, war in den 70iger Jahren der 1.Direktor des UN-Umweltprogramms, 1992 war er Generalsekretär der UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung sowie Eizenstadt, er leitete die amerikanische Delegation auf der Kyoto-Konferenz 1997.

Die ICE ist zwar rechtlich in London ansässig, Hauptsitz ist aber Atlanta, Hauptanteilseigner sind Morgan Stanley Cap., Goldman Sachs, Total Investment, BP Products.

Auf einer Konferenz in Edinburgh (März 07) meinte Blairs Nachfolger Brown, der Emissionshandel sei die heißeste (britischer Humor) Sache der Welt, Umweltminister Milibrand sagte, der Handel mit CO2-Emissionen könne es auf 200 Milliarden Dollar Umsatz pro Jahr bringen. Auf dieser Konferenz sprach auch Gore, Kritik an seinem Film sei "unwissenschaftlich", so wie jede Kritik am Finanzkapital "unwissenschaftlich" sei. Der nächste amerikanische Präsident werde das Kyoto-Protokoll unterschreiben.

Mein Eindruck: Die Wirtschaft ist zufrieden, das Finanzkapital sowieso, ein riesiger Markt ist / wird erschlossen.

Die deutschen Energieunternehmen sind besonders zufrieden. Sie konnten die Emissionsrechte, die sie geschenkt bekamen, auf die Preise, also auf die Verbraucher, abwälzen. Der WWF hat ausgerechnet, dass die Mitnahmeeffekte der Stromkonzerne sich auf 8 Milliarden Euro pro Jahr belaufen.

Die Ölindustrie hat sich bestens arrangiert, sie freut sich, dass der Konkurrent "Kohle" aus dem Markt gekegelt wird und sie freut sich, weil sich die Umweltschützer freuen und diese gleichzeitig (als nützliche Idioten und Kanonenfutter,ist nicht böse gemeint) gegen die Kernenergie (dem Hauptkonkurrenten) sind, die große Kohle freut sich, dass die kleine Kohle jetzt wohl nicht mehr mithalten kann und geschluckt wird, das nennt man "Marktbereinigung". Und die Kernenergie freut sich sowieso.

Ich denke, was ich hier geschildert habe, ist nichts Besonderes, es ist Alltag im globalisierten Kapitalismus, allerdings nur die Spitze des Eisbergs.

Das Einzige, das man noch genauer untersuchen müsste, warum die USA so lange zögern, bis sie das Kyoto-Protokoll unterschreiben, obwohl es doch im "objektiven" Interesse des amerikanischen Finanzkapitals liegt und dessen Druck auf die Regierung - wie gesagt - auch enorm groß ist. Ich kann nur vermuten, Marktbeobachtung, auf Wettbewerbsvorteile spekulieren, taktisches Spiel, Uneinigkeit verschiedener Kapitalfraktionen.

Globalisierung bedeutet Ausweitung des Marktes und genauso unterliegt auch die "Wissenschaft" wie jede "Ware" den Marktgesetzen und da gilt Angebot und Nachfrage. Jenes Angebot wird nachgefragt, das den Verwertungsinteressen des Kapitals am besten entspricht. Die zugeteilten Emissionsmengen sind umso geringer und die Spekulationsgewinne umso höher, je drastischer die Szenarien gezeichnet werden. Deshalb schwimmt man im mainstream oder man geht unter. Natürlich gibt es die Freiheit der Wissenschaft und niemand wird zu etwas gezwungen.

Noch eine Bemerkung zu Markus aus S.: Er sagte (sinngemäß), der IPCC- Bericht (und die politischen Folgen) sei der einzige Erfolg einer demokratischen Bewegung über das Großkapital. Ich denke, dass er deshalb auch das IPCC so verzweifelt verteidigt.

Es hat nie einen Sieg über die Interessen des internationalen Finanzkapitals gegeben und es wird nie einen geben, weil dessen wirtschaftliche Macht untrennbar mit den Überbaustrukturen (im Marxschen Sinn) der staatlichen, politischen,(ersatz-)religiösen und wissenschaftlichen Strukturen verbunden und dabei so flexibel ist, sich jederzeit anzupassen. Noch besser ist es natürlich, die Bedingungen selbst zu schaffen, in denen man agiert.

Gruß
Karl-Heinz

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