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Wetterzentrale Forum Archiv 2006 3. Quartal

HYDROLOGIE: Nachlese zum heftigen Berliner Unwetter vom 25.08.

Geschrieben von: Berlinjörg
Datum: 31. August 2006, 16:35 Uhr



Hallo

Da hier bereits erste extremwertstatistische Betrachtungen des Berliner Unwetters vom 25.08. sowie über die Frage der Wiederkehrzeit zu lesen waren, möchte ich die ersten Ergebnisse der Auswertung der Niederschlagsregistrierung vorstellen. Betrachtet wird aber nicht nur die Station auf dem Flughafen Tegel alleine, sondern das gesamte Gebiet von Berlin und Brandenburg, wobei natürlich wieder auffällt, dass auch dieses Unwetter in der Stadt und in den Abendstunden
auftrat. Es ist ja schon länger bekannt, dass die Niederschlagsmengen im Sommer in den inneren Teilen einer Stadt zu einem größeren Prozentsatz in den Abendstunden fallen, wobei im Mittel die Niederschlagsdauer gegenüber dem Umland etwas reduziert ist ("Stadteffekt").


Nach ersten Auswertungen lässt sich bereits jetzt sagen, dass das Tegel-Unwetter vom 25. August für den Berliner Raum völlig neue Maßstäbe gesetzt hat, wobei sogar die von Meteorologen theoretisch ermittelten Maximal-Intensitäten überschritten wurden.

Aus den vergangenen rund 120 Jahren sind abertausende Registrierstreifen von etlichen dutzend Niederschlagsmessstellen in Berlin und Brandenburg ausgewertet worden. Als bisher intensivster Regenfall galt dabei bislang der sogenannte "Siebenschläfer-Wolkenbruch", der sich am 27. Juni 1964 über Steglitz und Tempelhof mit Regenmengen von teils mehr als 80 mm in gut 1 Stunde austobte (der nachfolgende Sommer war übrigens tatsächlich ungemütlich kühl und feucht). Nördlich der Berliner Innenstadt fielen allerdings nur wenige Tropfen.

Hier eine (leider nicht sehr scharfe) Grafik der recht gut dokumentierten Regenmengen vom 27.06.1964:

Quelle: http://www.luise-berlin.de/bms/bmstxt01/0106doka.htm

Wie dort zu lesen ist, gab es damals aufgrund der Wasserschäden mehr als 1200 Feuerwehreinsätze. Unter einer S-Bahn-Brücke in Berlin-Lichterfelde sollen die Wasserfluten mehr als 1,50 m hoch gestanden haben.

Vergleicht man nun die damals am Flughafen Tempelhof registrierten Regenmengen mit denen des diesjährigen Tegel-Unwetters, so verwundert es nicht, dass der dortige Autobahntunnel sogar mehr als 2 Meter hoch überflutet gewesen sein soll.

Hier die Auswertung für den Niederschlag an der Station Berlin-Tegel im Vergleich mit der bisherigen maximalen Regenmenge für die jeweils angegebene Intervallstufen:


 

bisherige Maximalmenge am
Intervall Maximalmenge Flughafen Tegel
(27.06.1964) (25.08.2006) mit Uhrzeit (MESZ)
--------- ------------ ------------------------
5 Min. 13,7 mm 16,3 mm (20:05-20:10)
10 Min. - 29,2 mm (20:00-20:10)
15 Min. 33,7 mm 39,9 mm (20:00-20:15)
20 Min. - 48,6 mm (19:55-20:15)
30 Min. 56,1 mm 67,7 mm (19:40-20:10)
45 Min. - 93,8 mm (19:35-20:20)
60 Min. 74,2 mm 108,3 mm (19:20-20:20)
75 Min. - 123,4 mm (19:05-20:20)
120 Min. - 126,5 mm (18:50-20:50)
210 Min.:176,7mm [Werder 6/94] 127,0 mm (18:20-21:50)



Wie man erkennt, wurden die 1964-er Maximalmengen bei den kleineren Intervallstufen um rund 20 % überschritten; der Tegeler 1-Stunden-Wert von 108 mm lag sogar um sagenhafte 46 % über dem bisherigen Höchstwert!

Einzig der Rekord über 210 Minuten wurde nicht gebrochen. Diesen hält auch nicht 1964, sondern der 29.06.1994 (an jenem schwül-heißen Tag kam es im brandenburgischen Werder an der Havel innerhalb von rund 3 Stunden zu 5 Hagelgewittern, die damals insgesamt 176,7 mm Niederschlag hinterließen).


Die Niederschlagsintensität lag während der intensivsten Vorgänge des Tegeler Unwetters bei mehr als 200 mm pro Stunde, wobei an der Station neben Hagel auch starke Graupelschauer (ww 88) beobachtet wurden.

Die Gründe für dieses extrem heftige Gewitter wurden hier von mehreren schon ausführlich erläutert, sodass ich auf eine synoptische Analyse verzichten möchte. Es sei aber erwähnt, dass das Unwetter recht abrupt gegen 19:10 Uhr einsetzte, dann nur wenig nachließ, wobei sich die Tegeler Zelle durch die südlich andockende Zelle kräftigte und kurz nach 20:00 Uhr ihr intensivstes Stadium erreichte, bis sie gegen 20:20 Uhr in östlicher und südöstlicher Richtung abzuwandern und zu zerfallen begann.


Erstaunlich ist, dass sogar die von namhaften Meteorologen für das Berliner Gebiet abgeschätzten Maximalmengen überschritten wurden. So sind nach Untersuchungen von B. LINDENBEIN in Berlin in 30 Minuten 60 mm Niederschlag möglich - am Flughafen Tegel wurde an dem Unwettertag zwischen 19:40 Uhr und 20:10 Uhr aber knapp 68 mm gemessen, wie obige Tabelle zeigt.
In 60 Minuten wurden 90 mm für die in Berlin maximal mögliche Menge errechnet - es fielen 108 mm, und der von Lindenbein geschätzte Wert wurde schon nach 45 Minuten überschritten!

Bei der in einer Großstadt recht wichtigen Frage wie der Dimensionierung von Gullideckeln dürften solche Messungen, auch wenn es sich hier tatsächlich um einen absoluten "Volltreffer" handelt, neue Maßstäbe aufgezeigt worden sein. Bekanntlicherweise sind nahezu alle starken sommerlichen Gewitter recht kleinräumige Ereignisse, die nicht immer über einem Messtopf niedergehen.

Erwähnenswert erscheint die Tatsache, dass es bereits Ende Mai, Mitte Juni sowie vom 6. bis 8. Juli dieses Jahres zu äußerst heftigen Regenfällen im Stadtgebiet gekommen war, wobei ich selbst am 06.07. kurzzeitig Niederschlagsintensitäten bis zu 260 mm/h messen konnte.


Zum Abschluss nochmals die Karte, auf der sämtliche Extremwerte für das Gebiet von Berlin und Brandenburg verzeichnet sind:


(URL: http://www.met.fu-berlin.de/~manfred/bb_extrem.jpg)


Gruß
Jörg


Beiträge in diesem Thread

HYDROLOGIE: Nachlese zum heftigen Berliner Unwetter vom 25.08. -- Berlinjörg -- 31. August 2006, 16:35 Uhr
Einfach nur krass, 120mm in 2h, meine Fresse! -- Imko aus Leer (7 m über NN) -- 31. August 2006, 16:45 Uhr
..wobei die 120-mm-Grenze schon nach 70 Min. fiel! *oT* -- Berlinjörg -- 31. August 2006, 16:47 Uhr
Man, wie klingt das, und wie sieht das aus? -- Imko aus Leer (7 m über NN) -- 31. August 2006, 17:26 Uhr
Hab das 30-Min-Wolkendauerleuchten im W gesehen *oT* -- Berlinjörg -- 31. August 2006, 19:50 Uhr
evtl. Zunahme vom Stadteffekt? oder -- Jens aus Kamenz [35km nordöstlich von Dresden] -- 31. August 2006, 18:35 Uhr
Für Menschen nicht mehr fassbar. -- Der Stefan aus Fürstenwalde -- 31. August 2006, 19:01 Uhr
Re: Für Menschen nicht mehr fassbar. -- Berlinjörg -- 31. August 2006, 20:01 Uhr

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