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Wetterzentrale Forum Archiv 2005 2. Quartal

KLIMA: Tägl. Extremtemperaturen letzte 200 Jahre (Europa

Geschrieben von: Astronom
Datum: 11. April 2005, 19:34 Uhr



Hallo,

Ein beliebtes Thema hier im Forum sind ja neue Tagesrekordwerte, sei es eine neue nie
vorher gemessene Höchsttemperatur an einem 30. Februar oder ein Tiefstwert, wie es ihn nie
vorher an einem 31. April am Ort XX gegeben hatte. Ganz automatisch kommt da natürlich die
Frage auf, wie denn für einen gegebenen Ort über das ganze Jahr betrachtet die Kurven der
höchsten und tiefsten dort je gemessenen Tagestemperaturen aussehen. Und daran schliessen
sich gleich zwei weitere Fragen an: wie oft treten im Laufe der Jahre neue Extremtemperaturen
(also neue Rekorde!) auf und gibt bzw. gab es Zeiten, wo solche Extrema vermehrt auftraten?
Entsprechend besteht dieser Beitrag aus folgenden drei Kapiteln:


  1. Extremtemperaturen für jeden Tag des Jahres


  2. Zeitliche Entwicklung der Extremtemperaturen


  3. Zeitlicher Abstand zwischen Temperaturrekorden







1. Extremtemperaturen für jeden Tag des Jahres

Um solche Fragen zu beantworten, muß man sich natürlich Orte mit möglichst langen Meßreihen
suchen, denn erst ab 100, besser noch 200 Jahren an aufwärts wird es richtig interessant –
denn was sind schon 40, 50 Jahre, wenn es um Rekorde für die Ewigkeit geht? Leider sind
halbwegs verlässliche sehr lange (Instrumenten)Meßreihen in Europa nicht gerade üppig
vertreten, aber ein paar gibt es immerhin, die länger als 200 Jahre sind. Für Mitteleuropa
landet man da immer bei Prag (Klementinum) mit seiner 1775 startenden (täglichen) Meßreihe –
ich hatte diese Reihe hier im Forum ja schon öfters vorgestellt. Und damit Deutschland nicht
leer ausgeht, habe ich als zweite Reihe noch die 1870 startende Frankfurter Tagesreihe
ausgewählt (auch diese schon mehrmals von mir hier im Forum benutzt).

Nach dieser Einleitung kann man eigentlich sofort zum ersten Bild kommen; dieses zeigt für Prag den
Verlauf der höchsten sowie der tiefsten täglichen Temperaturen, die im Zeitraum 1775 – 2001 jemals auftraten:





„H-Tmax“ bezeichnet im Diagramm die höchsten und „T-Tmin“ die tiefsten an einem Tag jemals
aufgetretenen Temperaturen. Die dünne grüne Linie („H-T“) stellt für jeden Tag die
Temperaturdifferenz zwischen der höchsten und tiefsten Temperatur dar und die dicke schwarze
Linie zeigt den geglätteten Verlauf von H-T – die rechte Y-Achse (H-T-Differenz) ist für
diese beiden Kurven zuständig.

Die Spannbreite der Temperaturen liegt also zwischen rund +38° und -28° in den letzten 230 Jahren
in Prag. Die geglättete H-T-Kurve zeigt gut, dass dabei in den Wintermonaten mit 35 – 38 K die
größten Differenzen zwischen den extremen Höchst- und Tiefsttemperaturen auftreten und im Oktober/November
mit etwa 25 K die geringsten. Die Tag-zu-Tag-Schwankungen der Extrem-Tiefsttemperaturen sind zudem
von November – März deutlich größer als im Rest des Jahres. Oder anders ausgedrückt: im Winter gibt
es noch eine Menge Tage, die ihr „Extrempotential“ an Tiefsttemperaturen noch nicht ausgeschöpft haben,
während im Sommer die Tiefstwerte der einzelnen Tage sich ziemlich ähnlich sind. Anders sieht es
allerdings bei den extremen Höchst – Temperaturen aus: hier findet man das ganze Jahr über
moderate Tag-zu-Tag-Schwankungen. Um zu sehen, ob dieses Verhalten nur Prag-typisch ist oder
verallgemeinert werden kann, nun ein Blick auf das Diagramm der Extremtemperaturen für
Frankfurt:





Da die Frankfurter Reihe rund 100 Jahre kürzer als die Prager ist, treten natürlich nicht so
große Differenzen zwischen den täglichen höchsten und tiefsten Temperaturen wie in Prag auf,
aber das allgemeine Verhalten ist dem Prager trotzdem sehr ähnlich: die H-T-Differenzen sind
im Winter maximal und im November minimal, und die Tmin-Werte schwanken am stärksten im
Winterhalbjahr. Bei den Höchsttemperaturen jedoch sind die Tag-zu-Tag-Schwankungen in
Frankfurt im Sommer größer als im Winter. (Nebenbei kurz angemerkt: man stelle sich in
Frankfurt ein wirklich heißes Jahr vor, in dem jeder Tag die bisher aufgetretenen Höchstwerte
annehmen würde – der Supersommer 2003 sähe im Vergleich dazu geradezu naßkalt aus! Und bei
den Tiefstwerten hätte man dann endlich den langersehnten Strengwinter, der allerdings dann
vielleicht etwas übertrieben lang ausfallen würde, nämlich so von Anfang November bis Anfang
April ...)

Dieses Herbstminimum der H-T-Kurve ist tatsächlich in Europa weit verbreitet; wer
will, kann sich die den obigen Bildern entsprechenden Diagramme für folgende Städte
herunterladen:

Basel (1901 -1999)
Berlin (1876 – 2001)
Bologna (1814 – 2000)
Hamburg (1891 – 2001)
München (1879 – 1998)
Oxford (1853 – 2000)
Sodankyla (Nord-Finnland, 1908 – 2001)
Syktyvar (Nordwest-Russland, 1898 – 1998)
Uccle (Belgien, 1795 – 1998)

Die Unterschiede zwischen den extremen Höchst- und Tiefstwerten weisen dabei
offenbar ein NO-SW-Gefälle in Europa auf: je kontinentaler das Klima, umso größer die
Differenzen. Außerdem findet man das H-T-Herbstminimum im Nordosten schon Ende September
anstatt Ende Oktober/Anfang November wie hier in Mitteleuropa. Die größten Unterschiede
treten fast immer im Februar auf – wobei Oxford mit seinem Mai-Maximum dabei allerdings
völlig aus dem Rahmen fällt.

Insgesamt zeigen damit die Extremtemperaturen ein völlig anderes
Verhalten als die mittleren Tmax- und Tmin-Werte. Die entsprechenden Diagramme von Prag und
Frankfurt zeigen das sehr deutlich:










Die mittleren Tmax- und Tmin-Werte besitzen zwischen Mai und August die größten Unterschiede,
während im Winter ihr gegenseitiger Abstand deutlich geringer ist. (Übrigens: wer Lust dazu
hat, kann ja mal versuchen, aus diesen mittleren Tmax- und Tmin-Kurven etwaige im
Jahresverlauf auftretendeSingularitäten abzulesen – also, meiner Meinung nach, gibt es da nur
einen wirklichen Kandidaten ...) Dieses Verhalten ist sehr typisch für fast ganz Europa –
Ausnahme hier wiederum der Nordosten, wo das H-T-Minimum sehr ausgeprägt schon in der zweiten
Oktoberhälfte auftritt und damit sich der Lage des H-T-Minimums der Extremtemperaturen
annähert. Auch hierzu gibt es natürlich die entsprechenden Diagramme zum Herunterladen:

Basel (1901 -1999)
Berlin (1876 – 2001)
Bologna (1814 – 2000)
Hamburg (1891 – 2001)
München (1879 – 1998)
Oxford (1853 – 2000)
Sodankyla (Nord-Finnland, 1908 – 2001)
Syktyvar (Nordwest-Russland, 1898 – 1998)
Uccle (Belgien, 1795 – 1998)






2. Zeitliche Entwicklung der Extremtemperaturen

Alles bisher Gesagte und Gezeigte ergibt nur ein statisches Bild: die Extreme sind jetzt
klar, aber wann sie auftraten und wie häufig sie zu verschiedenen Zeiten vorkamen (also
sozusagen die Dynamik der Extrema) , das bleibt noch zu klären. Ein gutes Hilfsmittel dazu
ist die Jahressumme der Änderungen von (täglichen) Extremwerten. Berechnet wird diese wie
folgt: für ein vorgegebenes Jahr x seien die Extremwerte z.B. für Tmax bekannt; im
nachfolgenden Jahr x+1 sieht man dann für jeden einzelnen Tag nach, ob ein neues absolutes
Tmax erreicht wurde – falls ja, bildet man die Differenz (neues absolutes Tmax) – (altes
absolutes Tmax). Falls nicht, hat dieser Tag die Differenz 0 (logisch, da ja altes und neues
absolutes Tmax identisch sind). Nun summiert man über alle Tage des Jahres auf und erhält so
für das Jahr x+1 die gesuchte Jahressumme der Tmax-Änderungen. Dies kann man nun für jedes
Jahr der Meßreihe machen und erhält so einen schnellen Überblick über die „Dynamik“ der
Tmax-Extrema (analog natürlich das Vorgehen bei den Größen „tiefste Tmax“, „höchste Tmin“ und
„tiefste Tmin“). Allerdings ist es ratsam, als Startjahr für diese Prozedur nicht das zweite
Jahr der Reihe zu wählen, sondern erstmal einige Jahrzehnte zum „Extremwerte-Sammeln“ ins
Land gehen zu lassen – denn in den ersten Jahren einer Reihe purzeln die Temperaturrekorde ja
nur so. Umgekehrt aber sollten, je länger eine Reihe läuft, umso seltener neue Rekorde
auftreten und daher die Jahressumme der Änderungen (im Mittel) zunehmend abnehmen.

Ist das aber wirklich so? Testen wir die These mit der Prager Reihe! Das folgende Diagramm zeigt die
Jahressumme der täglichen Änderungen der höchsten Tmax-Werte, wobei die ersten 30 Jahre zum
„Extremwerte-Sammeln“ benutzt wurden und daher das Diagramm nicht mit 1775 sondern erst mit
1805 startet:





Die Balken zeigen die Summe Jahr für Jahr, während die blaue Kurve den geglätteten Verlauf
davon zeigt. Anhand der Balken sieht man deutlich, dass die Jahressumme von Jahr zu Jahr
extrem schwanken kann – und das auch noch nach Jahrhunderten! Zwar zeigt die geglättete Kurve
die erwartete starke Abnahme in den ersten Jahrzehnten, dann aber bleibt sie fast 150 Jahre
lang in etwa auf demselben Niveau. Allerdings erfährt diese Entwicklung ab ca. 1980 eine
Störung: die Kurve steigt jetzt wieder deutlich an (und das Rekordjahr 2003 ist hier noch gar
nicht drin enthalten!). Zeichen einer Klimaerwärmung? Heißt es auch nicht, dass diese sich
zuerst in einer Zunahme der Extrema bemerkbar machen sollte? Hier hilft ein Blick auf die
Entwicklung der Jahressummen der absoluten Tiefsttemperaturen weiter:





Hier ein ganz anderes Verhalten: neue Extrema der Tiefsttemperaturen treten (im Mittel) von
Jahr zu Jahr seltener auf, in der heutigen Zeit sind sie gar vom „Aussterben“ bedroht! Damit
ähnelt die Entwicklung der Tmin-Extrema eher dem, was man erwartet hätte im Falle eines über
die Jahrhunderte hinweg einigermassen konstant bleibenden Klimas. Das aber auch in solchen
Fällen selbst in schon lang laufenden Reihen wahre „Ausbrüche“ von neuen Extremwerten
auftreten können, sieht man in dem Tmin-Diagramm ganz markant im Jahr 1929, als vor allem der
eiskalte Februar für eine Flut neuer absoluter Tiefstwerte sorgte. Der ebenfalls sehr eisige
Januar 1947 hingegen fällt kaum mehr auf: es wird halt von Jahr zu Jahr schwieriger, alte
Extremwerte noch (nennenswert) zu übertreffen! Umso erstaunlicher das Diagramm der extremen
Tmax-Summen mit seiner Zunahme der Summen in den letzten Jahrzehnten.

Wie das Beispiel des Februars 1929 lehrt, kann schon ein einzelner extremer Monat die Gesamtjahressumme
dominieren. Jetzt den zeitlichen Verlauf der Summen jedes einzelnen Monats zu analysieren
wäre etwas übertrieben – aber ein Blick auf die am meisten interessierenden (und einen
etwaigen Klimawandel wohl am stärksten zeigenden) Jahreszeiten Sommer und Winter ist
angebracht. Nachfolgende zwei Diagramme zeigen für Prag die Änderungssummen von Tmax (erstes
Bild) und Tmin (zweites Bild) nur für den Winter (Dezember – Februar):





Der Erwärmungstrend der letzten Jahrzehnte, jedenfalls was das Auftreten neuer „heisser“
Extremwerte anbelangt, ist im Winter noch viel deutlicher zu sehen als wenn man das ganze
Jahr betrachtet. Tatsächlich trägt der Winter inzwischen zum größten Teil der
Gesamtjahressumme der Tmax-Änderungen bei (man vergleiche mit dem ersten Diagramm dieses
Kapitels). Aber auch schon in den 160 Jahren vor 1980 bleibt zumindest die geglättete Kurve
auf ziemlich gleichmäßigem Niveau, eine Langzeitabnahme ist nicht auszumachen.

Und wie es sich für ein Erwärmungsszenario gehört, zeigt der Winter in Prag bei den extremen
Tmin-Summen die gegenläufige Tendenz:





Seit gut und gerne 40 Jahren haben die Prager Winter nicht mehr viel an neuen absoluten
Tiefstwerten zu bieten. Wie oben diskutiert könnte das entweder Ausdruck einer „reifen“ Reihe
sein – also abnehmender Wahrscheinlichkeit neuer Extremwerte bei lang laufenden Reihen – oder
aber Folge einer Klimaänderung hin zu deutlich wärmerem (Winter)Wetter. Das gehäufte
Auftreten der Winter-Tmax-Extreme der letzten Jahrzehnte spricht eher für letzteres. Dies
kann man auch überprüfen durch einen Blick auf eine kürzere Reihe, die somit den Reifegrad
der Prager noch nicht erreicht hat und deshalb auch in jüngster Zeit noch mehr
Winter-Tmin-Extrema aufweisen sollte, falls keine Klimaerwärmung vorliegt. Betrachten wir
also das entsprechende Diagramm von Frankfurt:





Auch hier startet das Aufsummieren erst 1900, also 30 Jahre nach Start der Reihe, um eine
vernünftige Extremwert-Basis zu erhalten. Der Kurvenverlauf ähnelt sehr dem von Prag, wobei
natürlich die Frankfurter Reihe im 20. Jahrhundert deutlich höhere Summen aufzuweisen hat als
Prag – logische Folge der kürzeren Laufzeit der Frankfurter Reihe. So zeigt der Winter 1929
in Frankfurt doppelt so hohe Summenwerte wie in Prag, nicht weil er doppelt so kalt war,
sondern weil die damals auftretenden Tiefsttemperaturen für Frankfurt „neu“ waren, während
sie vielfach in Prag in früheren Zeiten schon mehrfach unterboten wurden (und somit keine
neuen Rekorde darstellten und nicht in die Summe eingingen). Tatsächlich zeigt daher die
Frankfurter Reihe auch in den letzten 40 Jahren im Gegensatz zur Prager noch eine Reihe neuer
Rekorde, so wie man es bei einem „normalen“ Klimaverlauf her auch erwartet. Also nicht
unbedingt ein Zeichen für eine Erwärmungstendenz! Die Wintersummen-Tmax-Kurve hingegen sieht
für Frankfurt der Prager sehr ähnlich, also starke Zunahme neuer absoluter Höchsttemperaturen
im Winter in den letzten 20 Jahren.

Ein Diagramm dieser Art für Frankfurt will ich nun aber noch für den Sommer zeigen, um den Effekt
des Jahrtausendsommers 2003 zu demonstrieren:





Die Entwicklung der absoluten Höchsttemperaturen im Sommer verläuft seit 20 Jahren völlig
wider jegliche statistische Theorie: immer neue Extremtemperaturen treten auf und
entsprechend setzt die Summenkurve zum Höhenflug an. Die hohe Summe von 2003, nachdem die
Summen-Reihe schon über 100 Jahre läuft, ist wirklich bemerkenswert! Aber bevor man die Ära
des Treibhausklimas verkündet, sollte man einen Blick auf die Jahre um 1945 herum werfen:
auch damals folgte nach einer Phase relativ seltener Extremwerte eine mit etlichen
„Supersommern“ und entsprechend zahlreichen neuen Extremwerten, bevor dann in den 60ern und
70ern ein Aussterben der Extreme einsetzte. Das sieht alles nach einer periodischen Abfolge
extremer Sommer aus (aus dem Frankfurt-Diagramm könnte man eine 50-Jahres-Periode ablesen),
aber die Frankfurter Reihe ist zu kurz, um das wirklich entscheiden zu können. Werfen wir
deshalb noch einen Blick auf die Prager Sommerreihe:





Leider geht diese nur bis 2001, der sehr warme Sommer 2002 und der Supersommer 2003 fehlen
also. Nichtsdestotrotz ist sehr schön eine Periodizität zu erkennen, wobei die Gruppen
rekordreicher Sommer im Abstand von etwa 40 – 65 – 65 Jahren folgen, letzterer Wert noch
vorläufig! Die Phasen weitgehend Extrema-freier Sommer haben in etwa Abstände von 30 – 50 –
70 Jahren (diesesmal ist der letzte Wert natürlich sicher ...). Um Mißverständnisse zu
vermeiden: Sommer mit hohen Summenwerten in obigen Diagrammen müssen nicht unbedingt auch zu
warme Sommer sein! Ja, es kann sogar passieren, dass ein solcher Sommer insgesamt zu kühl
ausfällt. Nehmen wir als Beispiel nur mal an, der Sommer 2003 hätte zwar wie gehabt den
superheissen August besessen, aber Juni und Juli wären durchweg verregnet und viel zu kühl
gewesen – dann wäre der Sommer 2003 wegen des August immer noch mit einer hohen Summe in den
obigen Diagrammen vertreten, während er insgesamt aber zu den zu kühlen Sommern gezählt
worden wäre. Zugegebenermassen ist diese Kombination wohl eher selten, die Regel dürfte sein,
dass hohe Summen auch zu insgesamt zu heissen Sommern gehören – aber das ist erstmal nur eine
Hypothese, die noch überprüft werden muß!






3. Zeitlicher Abstand zwischen Temperaturrekorden

Kommen wir nun zu der oft gestellten Frage, wie lange man eigentlich (im Mittel, versteht
sich) warten muß, bis an einem bestimmten Tag endlich mal wieder ein neuer Extremwert, sei es
ein neuer Tiefst- oder ein neuer Höchstwert, auftritt und um wieviel Grad dann (im Mittel)
der neue Rekordwert höher bzw. tiefer als der alte ist. Konkretes Beispiel: Nehmen wir einmal
an, am 1. 12. dieses Jahres würde in der Stadt XX ein neuer seit Beginn der Messungen noch
nie dagewesener Höchstwert gemessen. Wieviele Jahre müßten dann die Bewohner von XX warten,
bis (wahrscheinlich) ein neuer Höchstwert am 1. Dezember auftritt und um wieviel Grad würde
dieser wohl höher ausfallen? Bei einer solchen Fragestellung ist zweierlei klar: erstens,
braucht man zur Beantwortung möglichst lange Reihen (ich werde mich deshalb hier im weiteren
nur auf die Prager Reihe beschränken) und zweitens macht es wegen der Seltenheit solcher
Ereignisse wenig Sinn, die Statistik wirklich für jeden Tag aufzustellen. Vielmehr ist es
nötig, die Ergebnisse einer Reihe von Tagen zu bündeln, um einigermassen brauchbare
Statistiken zu erhalten. Sinnvollerweise bündelt man dann alle Tage eines Monats, d.h. für
jeden Tag des Monats wird wie oben beschrieben der zeitliche Abstand zum nächsten Extremwert
an diesem Tag herausgesucht, der Mittelwert dann aber über die Ergebnisse aller Tage dieses
Monats gebildet.

Auch hier ist es ratsam, diese Auswertung erst einige Jahrzehnte nach Start der Meßreihe zu machen,
da in den ersten Jahren einer Reihe ja die Wahrscheinlichkeit sehr groß ist, dass praktisch jeder
Tag des Jahres ein neues Extremum liefert. Bei der im folgenden untersuchten Prager Reihe benutze ich
daher wieder die ersten 30 Jahre zum Extremwerte-Sammeln und starte erst mit dem Jahr 1805 mit dem Auszählen.
Nachfolgende Tabelle zeigt die Ergebnisse:

 


| H Ö C H S T E T M A X || T I E F S T E T M I N
| ||
Monat | Anzahl | Abstand (a) | T-Diff. (K)|| Anzahl | Abstand (a) | T-Diff. (K)
-----------|---------|-------------|------------||---------|-------------|-------------
Januar | 86 | 54.8 | 1.27 || 32 | 43.2 | 2.34
Februar | 76 | 57.5 | 1.17 || 59 | 41.6 | 2.78
März | 89 | 51.3 | 1.24 || 23 | 50.4 | 1.45
April | 59 | 65.7 | 1.03 || 60 | 39.4 | 1.16
Mai | 61 | 61.8 | 1.06 || 60 | 40.5 | 1.25
Juni | 84 | 56.0 | 1.14 || 72 | 47.3 | 0.95
Juli | 76 | 50.5 | 1.20 || 85 | 45.1 | 0.73
August | 71 | 50.1 | 1.25 || 97 | 39.0 | 0.72
September | 68 | 45.1 | 1.11 || 82 | 48.1 | 0.93
Oktober | 90 | 52.0 | 0.98 || 67 | 40.7 | 0.97
November | 63 | 60.7 | 1.35 || 60 | 44.4 | 1.80
Dezember | 82 | 58.5 | 1.17 || 47 | 36.3 | 2.73




Ein Lesebeispiel für die Tabelle: an 76 Tagen im Februar wurden seit 1805 in Prag neue
absolute Höchsttemperaturen gemessen; d.h. (da der Februar ja nur 28 bzw. 29 Tage besitzt)
etliche Tage haben im Laufe der letzten knapp 200 Jahre mehrfach ihren Tmax-Rekord
verbessert. Im Mittel verstrichen dabei für einen fest gewählten Tag im Februar 57,5 Jahre
(also 57 oder 58 Jahre, mit halben Jahren landet man ja im Juli ...) bevor an diesem Tag
wieder ein neuer Höchstwert gemessen werden konnte. Jeder neue Höchstwert übertraf dabei den
alten vorhergehenden um rund 1,17 K im Mittel.

Wie man sieht, unterscheiden sich die Monate hinsichtlich ihrer Anzahl und Abstände von
Extremtagen durchaus: was Höchstwert-Rekorde angeht, so werden sie am häufigsten im Oktober,
am seltensten im April verbessert – damit sollte eigentlich im Oktober der zeitliche Abstand
zwischen zwei Tmax-Rekorden am kürzesten sein, was aber gemäß der Tabelle nicht der Fall ist!
Insgesamt scheinen Abstand und Anzahl nicht gut miteinander gekoppelt zu sein, was daran liegt,
dass in die Statistik nur die „abgeschlossenen Fälle“ eingehen. Ein nichtabgeschlossener Fall
hingegen ist ein Tag, der seit dem Auftreten seines letzten Extremwertes bis zum aktuellen Ende
der Reihe keinen neuen Rekord zu verzeichnen hat. Extremes, aber echtes Beispiel: der 1. März hat bzgl.
der Tiefsttemperatur seit 1785 keinen neuen Tmin-Rekord mehr zu verzeichnen, man wartet also seit
220 Jahren darauf – und diese 220 Jahre gehen eben nicht in die Berechnung der zeitlichen
Abstände ein, da ja noch kein neuer Rekord zu verzeichnen ist (es könnte ja durchaus auch 300
oder 400 Jahre dauern bis zum Brechen des Rekords ...) - insofern sind die zeitlichen
Abstände in der Tabelle als eine Art untere Grenzwerte zu betrachten,die tatsächlichen
Abstände sind größer (gelegentlich werde ich mal die Tabelle neu berechnen unter Mitnahme
auch der nichtabgeschlossenen Fälle). Trotzdem ist das hier gewählte Vorgehen durchaus
sinnvoll, siehe nächsten Abschnitt für eine Begründung!

Tiefsttemperaturrekorde werden am häufigsten im August und am seltensten im März gebrochen,
jedenfalls in Prag. Der Unterschied in den Häufigkeiten der beiden Monate ist dabei schon eklatant –
hier wird ein weiterer Effekt sichtbar, der solche Statistiken doch etwas fragwürdig erscheinen läßt: wenn ein
extrem temperierter Monat durch Zufall sehr früh in der benutzten Reihe auftritt, so setzt er
damit das Maß der Dinge für alles folgende, weswegen dann neue Rekorde nurmehr schwer zu
erreichen sind. Für Prag ist der extrem kalte März 1785 solch ein Fall; startete die Prager
Reihe nicht 1775, sondern erst 1786, so fiele dieser Extremmärz heraus und die Anzahl der
Märzrekorde würde deutlich anwachsen. Der zeitliche Abstand zwischen zwei Rekorden aber würde
sich (wahrscheinlich!) keineswegs im gleichen Maße ändern – Folge davon, wenn man nur
geschlossene Fälle berücksichtigt, was die Zeitabstands-Statistik tatsächlich unabhängiger
von dem genauen Zeitpunkt des Auftretens des am extremsten temperierten Monats macht (deshalb
auch die Nicht – Berücksichtigung der Nichtabgeschlossenen Fälle).

Interessant ist das Ausmaß der jeweiligen Rekordverbesserungen: bei den Höchsttemperaturen legen
alle Monate von einem Rekord zum nächsten in etwa gleich zu, während bei den Tiefsttemperaturen jedoch
die Wintermonate deutlich mehr zulegen bei jedem neuen Rekord als die Sommermonate!

Was man aus solchen Mittelwerten nicht ablesen kann: wie groß ist die Streuung der zeitlichen Abstände
und sind diese zeitlichen Abstände irgendwie korreliert mit den auftretenden T-Differenzen
(also vielleicht derart, dass die T-Differenz zum letzten vorangehenden Rekord umso
größer/kleiner ist je länger/kürzer der letzte Rekord zurückliegt). Um das zu klären, habe
ich für die einzelnen Monate Streudiagramme angefertigt, wobei auf der X-Achse die
zeitlichen Abstände und auf der Y-Achse die auftretenden T-Differenzen aufgetragen werden.

Für die Höchsttemperatur-Rekorde des Juli sieht das Diagramm wie folgt aus (nur abgeschlossene Fälle;
die roten Linien markieren die jeweiligen Mittelwerte ):





Nicht überraschend ist die Häufung der Zeitabstände im Bereich <= 50 Jahre; austariert wird
diese Häufung dann aber durch keineswegs wenige Fälle mit deutlich längeren Zeitabständen –
bis hin zu extremen 200 Jahren! Und dem Augenscheine nach besteht keine Beziehung zwischen
Zeitabstand und Temperaturdifferenz: ob der Zeitabstand zwischen zwei Rekorden kurz oder aber
sehr lang ist – in beiden Fällen können sowohl sehr kleine oder aber auch recht große
Verbesserungen des alten Rekords auftreten.

Das nächste Bild zeigt die Situation für die Tiefsttemperatur-Rekorde des Februars:





Auch hier eine große Streuung von Zeitabständen und T-Differenzen und kein Zusammenhang
zwischen beiden Größen. Beachtlich vor allem das Ausmaß der Rekordverbesserungen im Februar:
mehrfach wurden die alten Tiefstwerte um 5 – 8 Grad nach unten geschraubt (während im Juli
eine Verbesserung um 5° nicht ein einziges Mal erreicht wurde).

Zum Abschluß noch das Diagramm für die Tiefsttemperatur-Rekorde des März:





Zur Erinnerung: der extrem kalte März 1785 steht ziemlich am Anfang der Prager Reihe und
verhindert so eine größere Anzahl von Rekordverbesserungen im Laufe der folgenden 200 Jahre.
Die paar Rekorde,die dennoch auftreten, verhalten sich aber in einer Beziehung gänzlich
anders als die bisher gezeigten Beispiele: es scheint hier eine recht gute Beziehung zwischen
dem zeitlichen Abstand und den Temperaturdifferenzen zu geben – je länger man auf einen neuen
Rekord im Prager März warten musste, umso größer fiel dafür die Verbesserung des alten
Rekords aus. Kurioser Zufall? Überinterpretation des Diagramms? Oder neue Regel für
Extremmonate? Entscheide jeder selbst ...

Damit bin ich am Ende meines Postings angelangt. Ein Resumee möge jeder selbst ziehen und am besten
hier im Forum posten! Denn zu diskutieren gibt es bei diesem heiklen, aber sehr interessanten Thema
sicher noch genug!

Gruß,
Wolfgang

PS: Alle benutzten Datenreihen stammen aus der ECA-Quelle, die ich hier ja schon oft zitiert
habe.






Beiträge in diesem Thread

KLIMA: Tägl. Extremtemperaturen letzte 200 Jahre (Europa -- Astronom -- 11. April 2005, 19:34 Uhr
Danke, klasse Beitrag! *oT* -- Kaltlufttropfen (80 km sö v Berlin) -- 11. April 2005, 20:00 Uhr
Thanx, werd ich mal in Ruhe geniessen. *oT* -- Georg (Dortmund) -- 11. April 2005, 20:40 Uhr
Genial! Das muss man jetzt erst -- Björn (Westerwald 500m) -- 11. April 2005, 20:51 Uhr
Sehr interessant, danke! -- Fabienne, Bern-Brunnhof 523 m.ü.M. -- 11. April 2005, 20:56 Uhr
Super Post, danke! *oT* -- schneemanndl (670m, östlich v. Innsbruck, Tirol) -- 11. April 2005, 21:23 Uhr
ab zu den interessanten Beiträgen. -- Matthias Habel, Bonn (60m) -- 11. April 2005, 22:01 Uhr
Elaboriert, dein Sprachstil, für einen Irish Pub -- Lars aus Kreuzau, Rureifel (150m -360m üNN) -- 12. April 2005, 05:31 Uhr
ja - nach drei Fanta ganz ok, nicht wahr ;-)) *oT* -- Matthias Habel (Bonn, 60m) -- 12. April 2005, 06:53 Uhr
Wirklich beachtlich, Du gehst in den Pub um -- Markus in Königswinter -- 12. April 2005, 09:32 Uhr
Super!! -- Peter aus Teltow südl. von Berlin -- 12. April 2005, 05:04 Uhr
Re: Super!! -- Astronom -- 12. April 2005, 22:31 Uhr
SUPER -- michael stein Fronhausen/Lahn 170 m Hessen -- 12. April 2005, 06:39 Uhr
*scroll, scroll, scroll* --> o.T! *oT* -- Fabienne, Bern-Brunnhof 523 m.ü.M. -- 12. April 2005, 10:54 Uhr
Hervorragend, Wolfgang, zu der Singularität -- Andreas [Köln, 52 m NN] -- 12. April 2005, 07:40 Uhr
Re: Singularitäten? -- FokkerPlanck -- 12. April 2005, 09:45 Uhr
"Störung der Feier" -- Andreas [Köln, 52 m NN] -- 12. April 2005, 09:58 Uhr
Re: zu der Singularität -- Astronom -- 12. April 2005, 22:44 Uhr
Gerne, danke! :-) *oT* -- Andreas [Köln, 52 m NN] -- 13. April 2005, 09:00 Uhr
Re: interessant und provokativ -- FokkerPlanck -- 12. April 2005, 09:34 Uhr
Re: interessant und provokativ -- Astronom -- 12. April 2005, 23:12 Uhr
Re: KLIMA: Danke an alle + ein "Bonus"-Diagramm -- Astronom -- 12. April 2005, 23:29 Uhr

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