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Wetterzentrale Forum Archiv 2004 2. Quartal

ALLGEMEIN: Mein Bericht zum Micheln-Tornado (keine Analyse)

Geschrieben von: Martin Hubrig, Melle - Whh., 20 km sö. Osnabrück
Datum: 26. Juni 2004, 15:46 Uhr


Mein Bericht zum Micheln-Tornado (keine Analyse)

Hallo Forum,

wie Marco gestern Abend geschrieben hat, war ich am gestrigen Tage ebenfalls in Micheln bei Köthen, S-A.
Ich war am Freitagmorgen ganz kurzfristig auf Bitte zweier Mitarbeiterinnen vom RBB (Radio Berlin-Brandenburg) nach Micheln gefahren, um die durch den Tornado am Mittwochabend angerichteten Schäden zu inspizieren und mit Augenzeugen und Geschädigten zu sprechen.
Seitens der „RBB-Damen“ ist ein längerer Hintergrundbeitrag über Tornados in Deutschland und Europa, der aber erst in späterer Zeit ausgestrahlt werden wird, geplant. Mehr dazu, wenn es soweit ist (wird voraussichtlich noch mehrere Monate dauern).

Am Mittag in Micheln angekommen, empfing mich eine Stimmung wie in einem Katastrophenfilm. Der Bereich um Micheln und Trebbichau war durch Polizei abgesperrt. Durchgelassen wurden nur Anwohner, Presse/Fernsehen und Hilfskräfte wie Feuerwehr, THW und Katastrophenschutz.
Ich war angekündigt, also konnte ich passieren und bis ins Zentrum von Micheln, zum vereinbarten Treffpunkt fahren. Frau Greschner vom RBB hatte schon viel organisiert und Kontakte zum Bürgermeister – der noch sichtlich unter Schock stand, da auch er und Verwandtschaft schwer betroffen war - sowie weiteren Geschädigten (auch Verletzten!) hergestellt. Die meisten Leute standen noch unter Schock, die Wirkung des Tornados, auch wenn max. „nur“ F3/T7 war schon sehr schlimm. Es war übrigens ein großes Glück, das während der Passage des Tornados um etwa 18:45 MESZ die allermeisten Leute in ihren Häusern beim Abendessen waren. Insbesondere Kinder waren während der Tornadopassage nicht draußen. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn der Sturm z.B. nach Schulschluss durchgezogen wäre. Diese Schreckensvision hatten mehrere geschädigte Einwohner geäußert.
Für die meisten Dorfbewohner brach das Ereignis praktisch ohne Vorwarnung herein. Entsprechende Warnungen gab es im Radio – jedenfalls auf den gehörten Sendern nicht – zumindest hatten mir das mehrere Betroffene gesagt. Internet ist nicht vorhanden oder wird von den meisten nicht oder nur unzureichend genutzt, zumindest, was das Thema Wetter angeht. Eine noch so gute Internetpräsentation, bzw. Warnung im Internet nutzt in vielen Fällen also nichts oder nur wenig!!!
Warnungen, wenn diese denn die breite Masse erreichen sollen, müssen also ZWINGEND über Radio/TV verbreitet werden! Jedenfalls sagten mir 2 verletzte Personen dass sie vor dem Gewitter ins Haus gegangen wären, wenn sie entsprechende Warnungen im Radio gehört hätten. Da das eigentliche Gewitter aber noch etwas entfernt war und im Aufwindbereich der Superzelle kein oder nur unwesentlicher Niederschlag fiel, wähnten sich die Menschen in trügerischer Sicherheit. Bei dem sich ankündigen Brausen und Rauschen des Tornados war es für die zum Glück nur wenigen Personen, die sich im Freien aufhielten, zu spät, sich in Sicherheit zu bringen. Übrigens trug die enge und für ein Dorf sehr geschlossene Bebauung von Micheln dazu bei, dass im Ort selber von den meisten das herannahende Unheil zunächst gar nicht bemerkt wurde.

Eine der verletzten Personen, eine Frau war zusammen mit ihrem Mann beim Laufen auf das rettende Haus kurz davor vom Sturmfeld erfasst und ca. 20 m weit in eine Scheue geschleudert worden, die zum Glück weitgehend unversehrt blieb, während eine benachbarte Scheune völlig zusammenbrach. Ihr Mann wurde gegen eine Betonmauer geschleudert. Er liegt im Krankenhaus – schwebt aber nicht in Lebensgefahr und wird auch keine bleibenden körperlichen Schäden davontragen.

Das Programm war ziemlich straff, so dass ich zunächst überhaupt keine eigenen Fotos machen konnte. Schließlich kann ich nicht mit Leuten reden und gleichzeitig filmen. Da in der geplanten Doku ganz verschiedene Situationen beleuchtet werden sollen, war auch der Umfang der befragten Personen und das Spektrum der gefilmten Schäden recht groß. Die allermeisten Leute gaben gerne und bereitwillig Auskunft- derartige Befragungen mache ich ja nicht zum ersten Mal - wohl aber mit 3 Fernsehleuten im Nacken. Nur wenige wollten nicht sprechen, was ich durchaus nachvollziehen konnte, zumal ab einem späteren Zeitpunkt doch viele (ich glaube 7) Kamerateams anwesend waren – so kamen viele Menschen überhaupt nicht zu Ruhe. Bei manchen schien mir die Aussicht ins Fernsehen zu kommen, ein kleiner Trost für das erlittene Leid zu sein. Mein Gesamteindruck vom Dorf war, dass überwiegend Optimismus herrschte (zerstörte Gebäude kann man reparieren, Menschen nicht) – überhall fleißige Hände (insgesamt viele 100), die nach Absicherung der Restdächer mit Planen noch am Mittwochabend Schutt und Trümmer beseitigten.

Nach den Dreharbeiten in Micheln gings in den Nachbarort Trebbichau. Hier waren die Schäden nicht ganz so intensiv (Max. aber immer noch T6/F3), dafür aber breiter. Den Bereich mit F2-Intensität und höher habe ich terrestisch auf max. gut 300 m Spurbreite geschätzt. Von Mini-Tornado kann daher auch im Hinblick auf die Spurbreite überhaupt keine Rede sein.
Da hier der (ehemals) schöne Gutspark, der vor der Tornadopassage mit vielen alten Bäumen bestanden war, konnte hier der RBB mit mir einige Szenen bei der Aufnahme von Baumschäden und dem Anfertigen einer Skizze zum Fallmuster der Bäume drehen. Kurios: Erst beim Kommentieren eines Totalschadens an einer Esche (T5-Intensität) fiel mit auf, das der obere Kronenteil überhaupt nicht mehr im Sichtbereich lag, also über eine größere Distanz verdriftet wurde.

Nachdem ich zu Beginn der Dreharbeiten in Micheln Marco Kaschuba getroffen habe und wir wenigstens einige Worte austauschen konnte, stieß an einem teilweise zerstörten und sonst erheblich beschädigten Fabrikgelände (von Micheln aus gesehen am Ortsanfang) Tommy (Thomas Gahler) aus Köthen noch zu uns.

Schlimm war die Zerstörung einer großen Lagerhalle für Styropor: Die Blechumkleidung (einer typischen Industriehalle!) wurde völlig zerstört und weit verstreut. 1000e m³ Styropor wurden hinausgeweht und im weiteren Verlauf der Schadenspur – oftmals sehr kleingeschnipselt wieder abgelegt. Das erleichtert sicher das Analysieren der weiteren Schadensspur
- @ Thomas, da bin ich gespannt, was Du noch so zu berichten hast –
bedeutet aber auch einen immensen Arbeitsaufwand. Beispielsweise lagen an einem See im Uferbereich und der zerstörten, diesen umgebenden Waldvegetation am nordöstlichen Ortsausgang von Trebbichau viele 10 000 Styroporstücke herum.

Der Drehtag endete damit, dass eine Augenzeugen aus Köthen interviewt wurde, die mit Wetter eigentlich nichts weiter am Hut hat. Aber aufgrund der Faszination des Wetterereignisses hat sie diesem Tornado aus über 10 km Entfernung minutenlang fassungslos zugeschaut, wovon sie dann vor der Kamera berichtete. Zur Information: Die Magdeburger Börde ist eine weite Offenlandschaft (fast so wie die Plains im mittleren Westen der USA) die so was möglich machen! Daher gibt es wohl auch so viele Bilder und Augenzeugen außerhalb der betroffenen Orte.

Am Ende des Drehtages gegen 19:00 MESZ war doch noch 1 Diafilm (Baumschaden und die zerrissene und verwehte Styropor-Lagerhalle) verschossen, mein Camcorder allerdings nicht zum Einsatz gekommen. War auch nicht nötig, denn mir wurde eine ungeschnittene Kopie des gesamten (mehrstündigen) Filmmaterials zugesichert, so dass eine riesige Fülle hochwertigen Bildmaterials zur Ausarbeitung, bzw. Skywarn als Bildmaterial zur Verfügung stehen wird.
Da ich die Doku in weiten Teilen begleitet habe, wurden ganz sicher auch die intensivsten Schäden gefilmt, denn auf viele Details hatte ich die Kameraleute ausdrücklich hingewiesen. T7 war das maximale, was ich gesehen habe. Einen eindeutig durch Sandstrahleffekt entrindeten oder auch nur teilweise entrindeten Baum konnte ich nicht finden, obwohl ich sehr auf diesen Aspekt geachtet habe. T8-Intensität schließe ich daher aus. Wohl aber konnte ich einige Äste, anderen teile der Rinde (durch ohe Auftreffgeschwindigkeit oder andere Trümmer verursacht finden. Auch Teile (Dachziegelteile) in weicherem Mauerwerk, sowie an einigen Gebäuden teilweise abgeschlagener, bzw. „zerlöcherter“ Putz zeugten von einer erheblichen Geschwindigkeit vieler Trümmerteile. Das Gefahrenpotential dieses Tornados war jedenfalls enorm und man kann es schon als kleines Wunder ansehen, dass niemand getötet wurde. Was wäre eigentlich in einer Fußgängerzone einer belebten Großstadt passiert? Das will ich mir lieber nicht ausmalen, aber dieser Aspekt wurde auch erörtert.

Weitere Info zu den Gesprächen:
Ich habe allen Betroffenen oder Augenzeugen des Ereignissen, mit denen ich länger gesprochen habe, von TorDACH und Skywarn erzählt (keiner dort hatte diese beiden Begriffe bislang gehört) und noch einige Exemplare des neuen Skywarn-Flyers verteilt, so dass sich Interessierte nach dem Abebben des Schocks und der Beendigung der Aufräumarbeiten in Ruhe informieren können.

Eine eigentliche Schadenanalyse habe ich also nicht vornehmen können (war auch nicht meine Absicht), aber dass ist ja zum Teil schon gemacht worden oder in der Mache. Auch werde ich in den nächsten Wochen aus zeitlichen Gründen es nicht schaffen einen größeren Bericht zu verfassen. Aber auch hiervon gibt es, bzw. wird es ja einiges geben. Es muss ja nicht alles doppelt sein.

Dies soweit meine Eindrücke und Gedanken zum gestrigen Tag, der wie man sieht, mich auch heute noch sehr beschäftigt hat.

Viele Grüße,

Martin

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