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Wetterzentrale Forum Archiv 2000 1. Halbjahr

Die Orkane im Februar 1990 - ein Überblick

Geschrieben von: Wolfgang Rammacher
Datum: 14. Februar 2000, 20:35 Uhr


Hallo,


Nach kurzem Wühlen in meinem "Archiv" fand ich einen recht interessanten Artikel
über den Orkan-Februar 1990 (siehe Literaturangaben unten). Sage und schreibe 9
(in Worten: neun) Orkane haben in diesem Monat West- und/oder Mitteleuropa überquert!
Fünf davon sind mit ihrem Kern über Deutschland/Schweiz/Österreich gezogen.
Nachfolgende Abbildung [1] (hoffentlich klappt's) zeigt die Zugbahnen aller neun Orkane,
Tag des Auftretens, Name sowie für einige den jeweiligen Kerndruck.

(Achtung: nach der 92 KB großen Karte - also etwas Geduld beim Laden - kommt noch einiges an Text!)


Zugbahnen der Orkane Februar 1990


Dieser Karte zufolge hat "Vivian" mit seinem Kern Deutschland NICHT überquert. Aber mit
seinem minimalen Kerndruck von 940 hPa muß selbst "Lothar" vor Neid erblassen.
Hier im nördlichen Saarland in 300 m Höhe waren diese Orkane wie folgt zu spüren [2]:


Daria:

sehr starker Wind, vom 24. 1. bis 1. 2. 67 mm Regen, sehr mild (bis +11°C)


Herta:

am 3. 2. bis 16.00 schwachwindig, trocken, +12°C, Luftdruck 1016 hPa. Der Druck
fällt dann bis 18.00 auf 1007 hPa und steigt wieder bis 22.00 auf 1020 hPa. Also
nur eine relativ geringe Veränderung (für einen Orkan!), aber trotzdem drehte der
Wind gewaltig auf und blies ab 17.00 in Sturmstärke. Ab 20.00 läßt dann der Wind
stark nach und in der Nacht klart es bei Windstille auf. Während des Sturms fällt
nur geringfügig Regen (ca. 1 mm), also fast ein "Trockensturm". In der Nacht geht
dann die Temperatur auf +2° zurück. Herta richtete vor allem im Saarland, Rheinland-
Pfalz und Hessen schwere Schäden an; er/sie (?) erreichte Spitzengeschw. von über
150 km/h. "Herta" entwickelte sich aus einem kleinen Randtief über dem Kanal (ähnlich
wie "Lothar") und verursachte in England schwere Überschwemmungen [3].


Polly:

Polly zieht mitten über Deutschland hinweg; nördlich der Mainlinie kommt es dabei
zu Schneefällen, während im Süden Starkregen fällt und großflächige Überschwemmungen
von Saar, Mosel, Rhein und Donau auslöst. Im Schwarzwald fielen z.B. örtlich mehr
als 170 mm Regen in 24 h. Temperaturen am 15. um 8.00 Uhr: Saarbrücken +11°, Trier +6°,
Aachen 0°, Frankfurt 0°, Mannheim +3°, Karlsruhe +11°, Nürnberg +1°, München +12°,
Feldberg +4°. In meinen Aufzeichnungen steht aber kein Wort über irgendwelche
Sturmschäden - der Wind spielte also bei Polly wohl keine große Rolle.


Vom 17. - 25. 2. war es hier meist sonnig, trocken und sehr mild - bis +19° (in
Freiburg wurden gar +22° erreicht). Und dann kam Rosenmontag und "Vivian"...


Vivian:

Am Abend des 25. erfolgt Eintrübung und in der Nacht setzt Regen ein, der Wind
lebt merklich auf. Am 26. dann bis zum Mittag starker Regen mit starkem,
zeitweise auch sehr starkem Wind, danach häufige und heftige Schauer mit Sturmböen.
Der richtig starke Sturm trifft aber Norddeutschland; in Düsseldorf (wenn ich
mich recht erinnere) muß deshalb der Rosenmontagszug abgesagt werden! Allein
das sagt eigentlich alles über die Stärke von "Vivian" aus... Am 27. fällt hier
im nördl. Saarland dann noch bis Mittag Starkregen. Ca. 60 mm fallen hier vom
25. - 27. 2., alles natürlich als Regen.


Wiebke:

Für die Wälder Süddeutschlands war "Wiebke" der verheerendste der Februar-Orkane.
Hier in meinem Wohnort allerdings gab es nur geringe Schäden, der Wind war stark,
aber nicht mehr. Es fielen auch nur wenige mm Regen. Auf dem Feldberg aber wurden
Spitzenböen bis 200 km/h gemessen und auch in tieferen Lagen verbreitet mehr als
140 km/h. Auf dem Königsstuhl bei Heidelberg z.B. wurden ganze Waldparzellen flach
gelegt, und keineswegs nur der berüchtigte Fichten - Stangenwald, sondern auch sehr
viele alte und mächtige Buchen und Eichen, wie ich mit eigenem Auge sehen konnte.
(Oder sagen wir besser spüren: Nach diesem "Spaziergang" habe ich mir geschworen,
nie mehr ein sturmverwüstetes Waldgebiet zu betreten...)


Zur besseren Einschätzung der Februar-Orkane hier noch die Werte der Spitzenböen
für einige Stationen [1] (jeweils Februar-Maximalwert, nicht nach Orkanen aufgeteilt);
die Werte für "Lothar" sind zum besseren Vergleich ebenfalls angegeben (DWD-Werte):



| | | Spitzenböen (in km/h)
Ort | Höhe (in m) | Bundesland | Februar 90 | Lothar
------------|---------------|--------------|------------|---------------
Trier | 265 | Rhl.-Pfalz | 154 | 108
Berus | 363 | Saarland | 154 | 130
Tholey | 396 | Saarland | 130 | 104
Weinbiet | 600 | Rhl.-Pfalz | 152 | 184
Wasserkuppe | 921 | Hessen | 178 | 104
Würzburg | 259 | Bayern | 148 | 115
Stuttgart | 396 | Baden-Wrttb.| 135 | 144
Stötten | 734 | Baden-Wrttb.| 135 | 176
Feldberg | 1486 | Baden-Wrttb.| 172 | 212
Großer Arber| 1445 | Bayern | 146 | 162
München | 530 | Bayern | 130 | 120
Wendelstein | 1832 | Bayern | 265 | 255


Wie man sieht, es gibt keinen eindeutigen Sieger: in Hessen, Bayern, Rheinland-Pfalz
und Saarland wurden im Februar 1990 die größten Windgeschw. erreicht, in Baden-
Württemberg brachte "Lothar" die stärkeren Böen. Dieses Muster hat aber auch einige
Ausreißer, z.B. Weinbiet und Großer Arber.


Insgesamt aber war der Februar 90 natürlich wesentlich "aggressiver" als der Dezember 99:
neun (bzw. acht, wenn man Daria abzieht, aber der gehört natürlich zur Serie dazu) Orkane
in nur einem Monat über West- und Mitteleuropa ist eine einmalige Serie, zumindest einmalig
für das letzte Jahrhundert. Einmalig war auch die positive Temperaturabweichung über weiten
Teilen Europas. In Nordrussland z.B. war dieser Februar 10°C wärmer als normal! [1]


Der diesjährige Februar müßte sich in seiner zweiten Hälfte schwer ins Zeug legen, um noch
irgendwie in die Wetterannalen einzugehen. Es sieht aber nicht danach aus...


LITERATUR:


[1] Horst Dronia (Seewetteramt Hamburg): "Vivian und Wiebke", in "Sterne und Weltraum", 12/1990, S. 722 - 726


[2] Private Aufzeichnungen


[3] Hubert Lamb: "Historic Storms of the North Sea, British Isles and Northwest Europe",
Cambridge
University Press 1991


Gruß,

Wolfgang



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